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Legende: Audio Igor und sein Leben mit einer alkoholkranken Mutter abspielen. Laufzeit 05:47 Minuten.
Aus Regionaljournal Basel Baselland vom 12.02.2019.
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Aktionskampagne Wenn Mama trinkt

Ein Betroffener aus dem Baselbiet erzählt, wie es für ihn war, als Sohn einer suchtkranken Mutter aufzuwachsen.

Wenn Igor* von seiner Mutter spricht, dann erzählt er von einer liebevollen Frau, die immer versucht habe, für ihn dazu sei. «Sie ist die beste Mutter der Welt», sagt Igor. Ausser, wenn sie getrunken hat. «Wenn sie betrunken war, hatte es keinen Sinn mit ihr vernünftig zu reden. Manchmal war sie so voll, dass ich nicht mehr sagen konnte, ob das überhaupt noch meine Mutter ist.»

Die Alkoholsucht seiner Mutter begann schon deutlich vor Igors Geburt - in den Griff bekam sie die Sucht nie. Phasenweise habe die Mutter enorm viel getrunken, erinnert er sich: «Manchmal kam ich in am Morgen in die Küche und sie hatte schon angefangen. Wodka oder Jägermeister, harter Alkohol, eine ganze Flasche pro Tag.»

Manchmal war sie so voll, dass ich nicht mehr sagen konnte, ob das überhaupt noch meine Mutter ist.
Autor: IgorSohn einer alkoholkranken Mutter

Aufgewachsen ist Igor mit seiner Mutter und zwei Geschwistern in der Ukraine. Mit 12 Jahren kam er in die Schweiz, seine Mutter hatte einen Mann kennengelernt, der in der Region Basel lebt. Die älteren Geschwister blieben in der Ukraine zurück. Alleine in einem neuen Land mit einer alkoholkranken Mutter, das sei sehr schwierig gewesen, sagt Igor.

Eigenes Suchtverhalten entwicklet

Natürlich hätten er und sein Stiefvater versucht, die Mutter vom Alkohol wegzubekommen, hätten mit ihr geredet, Flaschen versteckt - doch gebracht habe dies alles nichts. «Als Kind kann man auch nicht so viel Einfluss nehmen», sagt Igor. «Ich musste es akzeptieren und hoffen, dass ihre Rauschzustände irgendwann enden.»

Doch auch wenn sich Igor als Kind mit seiner Situation und seiner alkoholkranken Mutter arrangieren konnte, als Jugendlichen holten ihn diese Erlebnisse wieder ein. Mit 15 begann er zu rauchen, mit 16 selber Alkohol trinken. «Ich hatte sicher weniger Hemmungen, weil ich diesen Konsum ja von zuhause kannte.»

Mit 19 verschlimmerte sich sein Zustand. Er brach die Lehre ab, bekam psychische Probleme, wurde depressiv, Suizidgedanken gingen ihm durch den Kopf. «Das alles hatte sicher auch mit meiner Kindheit zu tun. Die Situation mit einer alkoholkranken Mutter ist sehr belastend und macht einen auf Dauer einsam und traurig. Ich hatte auch niemandem, mit dem ich hätte darüber reden können.» Seit zwei Monaten ist Igor nun stationär in Behandlung in der Psychiatrie Baselland. Sein Zustand sei bereits deutlich stabiler und er habe in den letzten Wochen keinen Tropfen Alkohol getrunken.

Solche Kinder werden oft selber abhängig; oder sie trinken überhaupt kein Alkohol.
Autor: Noémi HolsteinSuchtberaterin Psychiatrie Baselland

Der Fall von Igor ist kein Einzelfall. Die Organisation «Sucht Schweiz» schätzt, dass in der Schweiz rund 100'000 Kinder und Jugendliche in Familien mit mindestens einem alkoholkranken Elternteil leben. Und auch dass diese Kinder kein «normales» Verhältnis zum Alkohol entwickelten, sei typisch, sagt Noémi Holstein, Suchtberaterin in der Psychiatrie Baselland: «Solche Kinder werden oft selber abhängig; oder sie trinken überhaupt keinen Alkohol.»

Verschiedene Schweizer Organisationen machen diese Woche in einer nationalen Informationskampagne auf die Thematik «Kinder und suchtkranke Eltern» aufmerksam. «Es ist leider immer noch ein Tabuthema», sagt Holstein. Nicht zuletzt weil diese Kinder häufig in einem Loyalitätskonflikt zu ihren Eltern stünden. «Sie haben ihre Eltern ja sehr gerne und haben deshalb Mühe, offen über diese Probleme zu reden und frühzeitig Hilfe zu holen.»

Musik statt Alkohol

Aber auch für die Eltern sei die Situation nicht einfach, sagt Holstein. Häufig würden sich suchtkranke Eltern grosse Schuldvorwürfe machen. Sie wüssten, dass sie den Bedürfnissen ihrer Kinder nicht gerecht werden. «Häufig sind das sehr liebevolle Eltern», sagt Holstein. «Nur weil sie alkoholabhängig sind, heisst das nicht, dass sie ihre Kinder nicht gerne haben.»

Igors Mutter versucht derzeit, vom Alkohol loszukommen. Sie macht einen Entzug. Und auch er selber setzt sich neue Ziele. Er sucht eine Lehrstelle, am liebsten eine im Detailhandel. Und daneben investiert er viel Zeit in seine grösste Leidenschaft. «Musik ist meine grosse Hobby. Ich rappe.»

*Name geändert

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