Blaubarts Geheimnis - ein Märchen der anderen Art

Nachdem der Basler Ballettdirektor Richard Wherlock mit «Snow white» ein klassisches Märchen auf die Bühne gebracht hat, tanzt seine Company nun ein Märchen der etwas anderen Art. «Blaubarts Geheimnis» ist ein Märchen ohne Magie und ohne Zauberei - dafür mit psychologischem Tiefgang.

Tänzerinnen mit ausgreifenden Bewegungen erobern die mit schrägen Elementen gestaltete Bühne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ausdrucksstarkes Bewegungsrepertoire: Unterdrückte Emotionalität als Thema in Stephan Toss' Blaubart-Choreographie. Ismael Lorenzo

Blaubart ist ein älterer, nicht gerade gut aussehender Mann. Dennoch findet er eine junge Frau, die ihn heiratet, nicht zuletzt aufgrund seines Vermögens. Blaubart holt Judith auf sein Schloss und führt sie durch die vielen Kammern. Nur die letzte Kammer, jene mit der goldenen Tür, darf die junge Frau auf keinen Fall öffnen. Denn diese Kammer birgt Blaubarts Geheimnis. Und sie ist zugleich Symbol für Blaubarts Gefühlswelt, sagt Choreograph Stephan Thoss im «Regionaljournal Basel» von Radio SRF: «Blaubart will, dass die Frau ihm gehorcht. Er will nicht, dass sie sich frei entfaltet, denn auch er hat viele unterdrückte Sehnsüchte und Ängste.»

Die böse Mutter

Ursprung von Blaubarts Ängsten ist seine dominante Mutter. «Die Mutter gibt ihm keine Liebe oder Zärtlichkeit, dennoch ist sie sehr besitzergreifend.» Sie war es auch, welche die Idee der verbotenen Kammer hatte. «Die Mutter will damit die Frauen testen», erklärt Stephan Thoss. «Nur jene Frauen, die dem Verbot gehorchen, kommen für ihren geliebten Blaubart in Frage.»

Die Neugier siegt - und dann die Liebe

Doch Judith erliegt dem Reiz des Verbotenen. Hinter der goldenen Tür erblickt sie ein schauriges Bild: dort liegen die blutigen Leichen ihrer Vorgängerinnen. All jene Frauen, die sich auch nicht an das Verbot gehalten haben. Doch für Judith gibt es ein Happy End. Blaubart löst sich aus dem eisigen Griff seiner Mutter und macht sich frei für die Liebe von Judith.

Psychologische Beziehungsstudie

Stephan Thoss geht die Geschichte von Blaubart also psychologisch an. Er holt das Märchen aus dem Jahr 1697 in die Gegenwart und stellt grundsätzliche Fragen zu Liebe, Macht und Unterwerfung.

Stephan Thoss ist mit der Tradition des deutschen Ausdruckstanzes gross geworden. Er will mit seinen Bewegungen immer etwas aussagen - und das gelingt ihm auch. Er zeigt die Geschichte von Blaubart und Judith mit einem ausdrucksstarken und ergreifenden Bewegungsrepertoire. Er schafft es, das Märchen glaubwürdig und packend zu erzählen.

Treffende Musikauswahl

Das liegt nicht zuletzt auch an seiner Musikauswahl. Die Stücke von Philip Glass, dem wohl bekanntesten amerikanischen Komponisten der sogenannten «Minimal Music», setzt Thoss sehr gezielt ein, wählt für die jeweils richtigen Stellen im Stück Klänge, die weich und melodiös sind, oder dann wieder repetitiv und bohrend.