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Alexandar Tzankov ist Pathologe am Universitätsspital Basel
Aus Regionaljournal Basel Baselland vom 15.05.2020.
abspielen. Laufzeit 12:24 Minuten.
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Freitags-Gast «Wir wissen wenig darüber, was das Virus im Körper anrichtet»

Alexandar Tzankov sagt im Interview, was er über Corona gelernt hat durch die Obduktion von Menschen, die am Virus gestorben sind.

Alexandar Tzankov ist Pathologe am Basler Unispital und war einer der ersten Pathologen, der Menschen, die am Coronavirus gestorben sind, obduzierte. Und aus seiner Feder stammt die bisher grösste Studie weltweit, welche die genaue Todesursache von Corona-Patienten untersucht hat.

Alexandar Tzankov, Sie haben als einer der ersten Pathologen weltweit Menschen untersucht, die an Corona gestorben sind. Und das bereits im März, als beispielsweise das Robert Koch-Institut in Deutschland noch empfahl, Obduktionen zu vermeiden. Warum entschieden Sie sich anders?

Alexandar Tzankov: Es war das genuine Interesse von mir, aber auch von meinen klinischen Kollegen, zu verstehen, was das Corona-Virus im menschlichen Körper anrichtet. Autopsien durchzuführen ist Teil meines Berufes. Und ich habe nicht eingesehen, warum ich das nicht machen sollte, wenn ich doch alle Schutzmassnahmen einhalte.

Woran sind die Menschen gestorben - was sind Ihre Erkenntnisse?

Gestorben sind sie an respiratorischem Versagen. Sie bekamen also nicht nur zu wenig Luft, sondern sie sind letztlich an der ungenügenden Versorgung des Körpers mit Sauerstoff gestorben. Das hat uns erlaubt, die Hypothese aufzustellen, dass ein grosses Problem bei den schweren Covid-19-Verläufen das Versagen der Mikrozirkulation darstellt.

Inwiefern haben Ihre Erkenntnisse die Behandlung von Corona-Kranken verändert?

Die Erkenntnisse der Autopsien haben schon etwas zu einem Überdenken der bisherigen Praxis geführt. Aber auch unabhängig von den Autopsie-Ergebnissen haben klinische Beobachtungen gezeigt, dass Corona-Patienten häufig Blutgerinnsel in ihren Lungen erleiden. Auch über diese Schiene sind die klinisch tätigen Kollegen auf die Idee gekommen, dass man die Blutverdünnung, die Verbesserung der Blutfluss-Eigenschaften bedenken muss.

Es reicht also nicht, Patientinnen und Patienten nur zu beatmen?

Nicht nur. Aber damit man es richtig versteht: Der kritisch kranke Patient braucht die Beatmung ab einer gewissen Schwelle seiner Sauerstoffsättigung.

Die Leute, die an Corona gestorben sind und die Sie untersucht haben, hatten in den allermeisten Fällen Vorerkrankungen und waren älter. Heisst das, dass ich mir als junger, gesunder Mensch gar keine Sorgen machen muss?

Gar keine würde ich nicht sagen. Es gibt durchaus Berichte über junge, vermeintlich gesunde Patienten, die am Corona-Virus gestorben sind. Autopsie-Erkenntnisse aus solchen Fällen gibt es aber nicht. Ich denke, es ist ganz entscheidend für die Menschheit, gerade junge Patienten mit wenig Risikofaktoren sehr gezielt zu untersuchen. Ich bin überzeugt, dass bei diesen Patienten genetische Varianten, welche die Fitness des Herz-Kreislauf-Systems herabsetzen, gefunden werden. Aber das ist im Moment nur eine Vermutung.

Wie haben Sie persönlich die letzten Monate erlebt?

Es ist sicher eine der spannendsten Zeiten meines Berufslebens. Corona war für mich vor vier, fünf Monaten der Begriff einer fernen Krankheit aus dem Fernen Osten. Und jetzt stehe ich mitten drin und versuche mit den Möglichkeiten, die ich habe, mit allem, was ich gelernt habe, zu verstehen, was dieses Virus mit unserem Körper anrichtet. Es ist eine spannende Zeit, trotzdem bringt sie mich manchmal an den Rand des Machbaren. Ich bin schon sehr müde am Ende des Tages. Und ich lerne jetzt mit dem grossen Medieninteresse umzugehen. Wir versuchen hier, mit den Möglichkeiten unseres Faches und unseres Könnens, etwas beizutragen.

Sie und Ihr Team haben ihre Untersuchungen von 21 Menschen publiziert. Das ist eine kleine Gruppe. Wie aussagekräftig sind Ihre Resultate?

Natürlich ist es eine kleine Stichprobe. Bis vor Kurzem gab es aber nur einzelne Fallberichte. Im Moment ist unsere Studie aus der Region Basel trotz dieser geringen Zahl von Autopsien, immer noch die grösste Studie, die es gibt. Weltweit wurden bis jetzt erst etwa vierzig bis fünfzig Patienten wissenschaftlich untersucht. Darauf basiert das Wissen, was das Virus im Körper anrichtet. Wir wissen vielleicht viel über das Virus. Aber wir wissen relativ wenig über die Reaktion unseres Körpers auf dieses Virus. Und da versuchen wir zu helfen mit dem, was wir können.

Warum wurden denn nicht mehr an Corona Gestorbene untersucht auf der ganzen Welt?

Die Angst, sich anzustecken, dürfte eine Rolle gespielt haben. Eine Rolle spielt sicher auch der Zugang zu Schutzausrüstungen. Da hatten wir vorgesorgt. Und wir waren in der privilegierten Situation, in einem liberalen Staat wie der Schweiz zu leben, wo die Fachgesellschaften selbst bestimmen, was adäquat ist und was nicht. Und da gab es keine Empfehlung, Autopsien nicht durchzuführen.

Das Interview führte Martina Polek.

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