Sprachenstreit Frühfranzösisch in Baselbieter Schulen - Flop oder Erfolg?

In Baselland besuchen in diesem Schuljahr erstmals Kinder die Sekundarstufe, die vier Jahre Frühfranzösisch in der Primarschule hinter sich haben. Zeit für eine erste Bilanz: Funktioniert das neue Fremdsprachenkonzept? In Baselland gehen die Meinungen weit auseinander.

Kinder am Lernen in einem Klassenzimmer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kinder sollen selbstständig lernen - das ist Teil des Frühfranzösisch-Konzeptes. Keystone

Französisch ab der 3. Primar-Klasse, Englisch ab der 5. Klasse. Das gilt in den sechs Deutschschweizer Kantonen Baselland, Basel-Stadt, Solothurn, Bern, Wallis und Fribourg. Diese Kantone haben sich zusammengeschlossen und unterrichten seit 2011 mit dem neuen Fremdsprachen-Konzept Passpartout und komplett neuen Sprach-Lehrmitteln. Stellt sich die Frage, wie gut funktioniert das Konzept?

Philipp Loretz ist Französisch-Lehrer an einer Baselbieter Sekundarschule und Vorstandsmitglied des Lehrervereins, des kantonalen Lehrerverbandes. Sein Befund lautet: Nach vier Jahren Frühfranzösisch sind die Sprachkenntnisse der Schülerinnen und Schüler bescheiden. «Den Schülern mangelt es vor allem am Alltagswortschatz. Sie sind es nicht gewohnt, sich mündlich frei zu äussern», kritisiert er.

Umfrageergebnisse lassen aufhorchen

Mit dieser Einschätzung ist er nicht alleine. Der Lehrerverband hat eine Umfrage gemacht unter knapp 50 Sekundarlehrkräften. Sie alle unterrichten Kinder, die frisch von der Primarschule kommen. Die Resultate lassen aufhorchen: 97 Prozent der Lehrer sagen: Ihre Schützlinge hätten nach vier Jahren Frühfränzösisch einen schlechten oder nicht so guten Wortschatz. Eine Umfrage im Nachbarkanton Solothurn hat ähnliche Ergebnisse gezeigt - und auch im Kanton Bern gab es schon ähnliche Kritik.

Aber was heisst das, ein schlechter Wortschatz? Eine Lehrerin, die anonym bleiben möchte, um Konflikte mit ihrer Schulleitung zu vermeiden, erzählt: Ihre Schüler hätten sich in der ersten Französisch-Lektion in der Sekundarschule nicht einmal selber vorstellen können. Mit einem Satz wie «Ich habe einen Bruder» seien sie überfordert gewesen.

Lehrmittel sind umstritten

Er erhalte etliche solcher Rückmeldungen von Lehrkräften, sagt Philipp Loretz vom Lehrerverband. Eines betont er aber: Schuld an den schwachen Französischkenntnissen seien seiner Meinung nach nicht die Primarlehrer. Diese würden engagiert unterrichten. Das Problem liege bei den neuen Lehrmitteln.

Die Idee dieser Lehrmittel ist, dass Schülerinnen und Schüler die Fremdsprache auf natürliche Weise lernen, so wie sie es mit ihrer Muttersprache getan haben. Sie sollen nicht in erster Linie Wörter und Grammatik pauken, sondern die neue Sprache möglichst oft hören. Von Anfang an sollen sie sich mit komplizierten Texten auseinander setzen. Der Lehrerverband findet: Dieses Konzept funktioniere nicht: «Diese Didaktik geht davon aus, dass man in der Schule eine Sprache wie eine Muttersprache lernen kann. Und das ist natürlich nicht möglich.»

Passepartout-Autoren wehren sich

Ist das neue Fremdsprachenkonzept Passepartout also zum Scheitern verurteilt? Nein, sagt Gwendoline Lovey von der Fachhochschule Nordwestschweiz. Sie ist Mitautorin der neuen Lehrmittel und unterrichtet selber Französisch auf der Primarstufe. Den Vorwurf, die Kinder seien nach vier Jahren Frühfranzösisch mit einfachsten Sätzen überfordert, könne sie nicht nachvollziehen. Ihre eigenen Schüler könnten auch mit komplizierten Texten umgehen - und hätten Freude daran.

Dass das Passepartout-Konzept bei Lehrerinnen und Lehrern teilweise auf Widerstand stösst, überrasche sie aber nicht. Es bedeute eine grosse Umstellung und könne alle Beteiligten verunsichern. «Auch gegen das heutige Mathematik-Lehrmittel gab es bei dessen Einführung zunächst Bedenken.» Langfristig aber, davon ist sie überzeugt, würden sich die Lehrkräfte an die neuen Lehrmittel gewöhnen - und die Schüler und Schülerinnen würden davon profitieren.

Bildungsdirektorin bittet um Geduld

Aber was heisst das nun: Ist das neue Fremdsprachenkonzept ein Erfolg oder ein Flop? Die Bildungsdirektorin in Baselland, Monica Gschwind, sagt: Es sei noch zu früh, um dies zu beurteilen. «Wir müssen dem Konzept Zeit geben», findet sie. Die sechs Kantone, die sich für das neue Fremdsprachen-Konzept zusammengeschlossen haben, hätten eine Evaluation in Auftrag gegeben. Aussagekräftige Resultate gebe es aber erst in drei Jahren. Sie biete den kritischen Sekundarlehrkräften jedoch an, jetzt mit ihr zusammen an Verbesserungen zu arbeiten.

Sicher ist aber: Die Diskussion über das Fremdsprachenkonzept gehen in Baselland weiter. Es ist eine Volksinitiative hängig, die den Ausstieg aus Passepartout fordert.

(Regionaljournal Basel, 17:30 Uhr)