Immer mehr Notfallpatienten im Basler Kinderspital

Über 33'000 Notfälle verzeichnete das Universitäre Kinderspital beider Basel UKBB im letzten Jahr. Vor zehn Jahren waren es noch 10'000 weniger. Grund dafür sei unter anderem der heutige Zeitgeist, sagt ein Kinderarzt.

Ein Kinderarzt untersucht das Ohr eines kleinen Mädchens Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Obwohl es in der Region genug Kinderarztpraxen gibt, gehen Basler Eltern lieber direkt auf die Notfallstation. Keystone

«Unsere Notfallkonsultationen nehmen stetig zu», sagt Alison Somerville, Co-Leiterin der Notfallstation des UKBB. Waren es 2006 noch 21'200 Notfälle, zählte man 2015 schon 33'700 Notfälle pro Jahr. «80 Prozent von diesen Notfällen müssten nicht dringend behandelt werden», so Somerville weiter.

Warum also wählen Basler Eltern trotzdem den Weg auf die Notfallstation und gehen nicht zum Kinderarzt? Die Gründe dafür seien vielschichtig, sagt Kinderarzt Roland Laager. Er ist Co-Präsident der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin Regio Basel. Grundsätzlich stelle er aber fest: «Die Leute sind nicht mehr bereit, abzuwarten, wie sich eine Krankheit entwickelt. Sie wollen sofort Ergebnisse. Das ist vergleichbar mit dem heutigen Zeitgeist, wo man im Internet immer sofort über alles informiert wird».

Tags zum Arzt, abends in den Notfall

Roland Laager betreibt eine Praxis in Birsfelden. Nicht selten würden Eltern am Tag zu ihm in die Praxis kommen, am Abend dann aber trotzdem die Notfallstation aufsuchen. «Viele Eltern stehen auch unter Druck», sagt Laager. «Zum Beispiel, weil das Kinder am nächsten Tag wieder in der Krippe sein muss, oder der Arbeitgeber nicht toleriert, dass man schon wieder fehlt, um das Kind zu betreuen».

Häufig fehle aber auch eine Ansprechperson in der Familie. Das habe auch damit zu tun, dass in Basel viele Migranten leben, die auf sich alleine gestellt sind: «Sie können Grossmütter oder Tanten, die bereits Erfahrung mit Kinderkrankheiten haben, nicht um Rat fragen. Deshalb gehen sie ins Spital», so Laager.

Notfall-Telefon wird kaum genutzt

Dabei hätten 95 Prozent der Basler Eltern einen Kinderarzt, sagt Roland Laager. Und auch die Anzahl Praxen von Kinderärzten haben in den letzten Jahren nicht etwa ab-, sondern zugenommen. Ausserdem hätten Eltern auch die Möglichkeit, in einem Notfall die Notrufzentrale zu wählen. Dort leitet medizinisches Fachpersonal die Anrufe auf die verschiedenen Kinderärzte um, auch nachts oder am Wochenende. «Dieser Dienst wird aber kaum genutzt», sagt Laager.

Auch der Service, dass Kinderärzte ihre Praxen am Wochenende für Notfälle öffnen, wurde immer weniger beansprucht. Deshalb haben die Kinderärzte vor fünf Jahren beschlossen, im UKBB eine Notfallpraxis einzurichten. Am Wochenende arbeitet jeweils ein externer Kinderarzt in der Notfallpraxis der Notfallstation. Somit ist das Personal im Spital entlastet.

(Regionaljournal Basel, 12.03 Uhr)