Bei der letzten Abstimmung regierten die Emotionen

Drei Persönlichkeiten aus dem Baselbiet blicken auf die Abstimmung von 1969 zurück. Sie erzählen von radikalen Fusionsgegnern, die bei einer Niederlage den Hauenstein sperren wollten. Und vom schwierigen Kampf der Fusionsbefürworter, die im Dorf nicht mehr gegrüsst wurden.

Ein Plakat am Baselbieter Volkstag in Gelterkinden - kurz vor der Fusionsabstimmung von 1969. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Plakat am Baselbieter Volkstag in Gelterkinden - kurz vor der Fusionsabstimmung von 1969. SRF

Die Abstimmung von 1969 war für viele Baselbieterinnen und Baselbieter eine Herzensangelegenheit. Auch für Roger Blum. Der Medienwissenschafter war damals 24 Jahre alt, politisierte in der FDP und kämpfte gegen die Kantonsfusion. Er erinnert sich an den Abstimmungssonntag - als die Fusionsgegner das Nein der Stimmbevölkerung in seiner Heimatstadt Liestal feierten. «Die Stimmung war emotional. Als die Leute das Baselbieterlied sangen wurde sie sogar tränenrührend-emotional.»

Überhaupt empfand Roger Blum den ganzen Abstimmungskampf als emotional. Er beschreibt eine radikale Stimmung vor allem unter den jungen Fusionsgegnern. «Darunter gab es Leute, die im Falle einer Abstimmungsniederlage den Hauenstein sperren wollten.» Emotional hätten vor allem die Fusionsgegner operiert. Zum Beispiel an den Baselbieter Volkstagen, die regelmässig stattfanden. «Dort kamen hunderte, tausende Gegner zusammen und zelebrierten das unabhängige Baselbiet.»

Ein Volksfest mit 4000 Fusionsgegnern

Der eindrücklichste dieser Volkstage fand drei Monate vor der Abstimmung in Gelterkinden statt. 4000 Menschen strömten aus dem ganzen Baselbiet herbei. Mittendrin der spätere Radio- und Fernsehjournalist Andreas Bitterlin. Der damals 18-Jährige begleitete seinen Vater, Werner Bitterlin. Sein Vater war SP-Landrat, ein Kämpfer gege die Fusion und hielt am Volkstag eine Rede. Als eindrücklich empfand Andreas Bitterlin die Stimmung am Volkstag. «Es war wie heutzutage ein Schwingfest. Es gab eine enorme Schollenverbundenheit mit dem Baselbiet.»

In seinem persönlichen Umfeld habe es damals keine Fusionsbefürworter gegeben, sagt Andreas Bitterlin. In seinem Heimtatort Sissach sei es ein «No-go» gewesen, sich fusionsfreundlich zu äussern.«Selbst wenn jemand dafür gewesen wäre, hätte sich diese Person wahrscheinlich nicht getraut, dies öffentlich zu sagen.»

Der Abstimmungskampf hinterliess Narben

Ein bisschen fusionsfreundlicher war damals die Stimmung im unteren Kantonsteil, in der Nähe der Stadt Basel. Die Befürworter der Wiedervereinigung hatten es aber auch dort nicht einfach. Das zeigt das Beispiel von Christoph Brodbeck. Er war der Grossvater der heutigen CVP-Nationalrätin und Fusionsbefürworterin Elisabeth Schneider. Sie erinnert sich: «Wenn man damals in einem konservativen Umfeld eine progressive Meinung vertrat, dann wurde man angefeindet.» Ihr Grossvater sei beispielsweise im Dorf nicht mehr von allen Leuten gegrüsst worden.

Diese Erfahrung hinterliess bei ihrem Grossvater Narben. «Er zog sich nach der Abstimmung aus der Politik zurück, war auch verletzt», sagt Elisabeth Schneider. Sie selber lässt sich trotz dieser prägenden Erfahrungen für ihre Familie nicht davon abhalten, wie ihr Grossvater nun die Werbetrommel für die Kantonsfusion zu rühren. «Heute ist die Situation anders, heute geht man auch mit Andersdenkenden anständig um.»