Berner Bevölkerung misstraut Grossprojekten zunehmend

Interlaken lehnt eine Grossüberbauung im Zentrum ab. Thun will nichts wissen von einer Gewerbemeile auf der grünen Wiese. Und in Adelboden verlangt das Volk, dass Investoren endlich Nägel mit Köpfen machen. Grossprojekte, die Land brauchen, haben einen schweren Stand.

Grüne Wiese und Mammutbaum im Zentrum von Interlaken Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Grüne Wiese und Mammutbaum im Zentrum von Interlaken - das gibt die Bevölkerung nicht preis für Wohnbauten und Hotel. Google

In Interlaken ist die Mehrheit der Stimmenden dagegen, einem Baukonsortium Land in guter Lage für eine Überbauung mit Wohntürmen, Hotel und Parkhaus zu verkaufen. Das Projekt «Entwicklung Des-Alpes-Areal» wurde mit einem Nein-Stimmenanteil von 60 Prozent abgelehnt.

Der sehr tiefe Bodenpreis für die Hotelparzelle, die Überbauung einer der letzten grünen Landreserven im Zentrum und der absehbare Fall eines uralten Mammut-Baums brachte das Projekt zum Scheitern. «Es ist schwierig zu erklären. Wer sich wirklich mit dem Projekt befasste, der sah den wirtschaftlichen, ökologischen und städtebaulichen Nutzen», bedauert Gemeindepräsident Urs Graf.

Gleiches Phänomen in Thun

In Thun verlief der Abstimmungssonntag vom 9. Februar praktisch gleich. Das Volk verwarf die Einzonung einer grossen Wiese bei der Autobahnausfahrt Thun-Süd. Dort wäre eine Gewerbemeile mit Wohnbau geplant gewesen. Die Skepsis wird grundsätzlich. «Es ist ja nicht einmal möglich, die Gewerberäume in der Stadt zu belegen. So macht eine Überbauung von wertvollem Land keinen Sinn», argumentierte durchaus aus eigenen Interessen die einflussreiche Innenstadt-Genossenschaft IGT, die Vereinigung der Geschäftsleute und Detailhändler in der Innenstadt.

Das Signal scheint klar: Es reicht

Für den Thuner Stadtpräsidenten Raphael Lanz ist klar, wie die zunehmende Verweigerung der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger zu werten ist. «Mir scheint, dass die Leute genug haben von immer mehr bauen und immer mehr entwickeln. Das werden wir berücksichtigen müssen. Ich stelle auch die Zweitwohnungs-Initiative und die Zustimmung zur Masseneinwanderungs-Initiative in diesen Zusammenhang.»

Für die Gemeindepräsidenten von Thun und Interlaken ist klar: Die Politik muss sich mehr anstrengen, um den Nutzen neuer Projekte überzeugend erklären zu können. Und es braucht wohl Augenmass beim Planungstempo und Entwicklungsdrang.

Interessant ist dazu ein Abstimmungsergebnis in Adelboden. Da stimmten 87 Prozent einer Gemeinde-Initiative zu, die verlangte, dass die Baubewilligung für das 140-Millionen-Luxusprojekt Alpenbad nicht mehr erneuert wird - ausser, die Investoren machen jetzt endlich vorwärts. Ein klares Zeichen, dass der Bevölkerung die Geduld ausgeht, auch wenn die Baubewilligung im November 2014 so oder so nicht mehr verlängert werden kann.