Die Weinbauern reagieren auf den Klimawandel

Es wird heisser und trockener oder feucht und tropisch, Hagel und Sturm nehmen zu und die Schädlinge und Pilzkrankheiten ändern sich. Der Rebbau ist mit dem Klimawandel konfrontiert. Die Winzer am Bielersee reagieren. Und sie tun gut daran, sagen die Forscher der Forschungsanstalt Agroscope.

«Für meinen Grossvater war es undenkbar, die Trauben vor Mitte Oktober zu lesen. Wir fangen damit jetzt Ende September an», sagt Fabian Teutsch. Er ist in sechster Generation Weinbauer in Schafis und Präsident der Rebgesellschaft Bielersee. Ihr gehören praktisch alle der rund 80 Winzerfamilien in diesem traditionsreichen Rebbaugebiet an - und man redet miteinander.

Hagelnetze brauchte es früher auch nicht

Fabian Teutsch instruiert seine Helferschar, die nun eine Woche lang die Trauben erntet - und ein besonderes Augenmerk auf die Beeren werfen muss, die von der Kirschessigfliege befallen sind. Das grosse Problem im Herbst 2014.

Aber Fabian Teutsch und seine Kolleginnen und Kollegen machen sich längerfristige Gedanken. «Wir müssen uns fragen, wie wir rechtzeitig auf Entwicklungen reagieren können, die wir nicht beeinflussen können», bringt es der erfahrene Weinbauer auf den Punkt. Neu sind zum Beispiel die vertikalen schwarzen Hagelschutz-Netze entlang der Reben. «In den letzten Jahren hatten wir mehrfach schwere Hagelschläge. Vorher über 20 Jahre nichts. Da habe ich mir gesagt, dass ich die Trauben schützen will, Hagelversicherung hin oder her», sagtFabian Teutsch.

So wird die Bewässerung ein Thema, frühere Ernten, der Kampf gegen nicht standortgerechte Pflanzen oder eingeschleppte Schädlinge. Oder sogar den Wechsel der Traubensorten, sollten die bisherigen Rebsorten dem Klimawandel nicht mehr gewachsen sein. Das wäre allerdings ein Prozess über Jahrzehnte.

Die Wissenschaft unterstützt die Winzer

«Die Weinbauern tun gut daran, sich Gedanken über die Zukunft ihrer Betriebe zu machen» bekräftigt Olivier Viret. Er ist Leiter Weinbauforschung, Önologie und Pflanzenschutz an der Eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope Changins.

«Wir stellen eine starke Erwärmung fest und mit tropischen Verhältnissen ändern sich auch Krankheitsbilder, Ernteverläufe und die Eignung der Traubensorten». Die Wissenschaft strenge sich sehr an, bei der Forschung und der Züchtung mit der Entwicklung des Klimas und all ihren Folgen Schritt zu halten.

Dem Wallis, dem grössten Weinbau-Gebiet der Schweiz, gibt der Experte des Bundes gute Chancen. «Die Walliser Winzer haben sehr lange Erfahrung mit präziser Bewässerung und das ist sehr wichtig», so Olivier Viret.

Für die Weinbaugebiete eine neue Chance?

Für die Schweizer Weinbaugebiete könne der Wandel vorläufig auch eine Chance sein, resümiert Jürg Maurer, Rebbau-Kommissär des Kantons Bern. «Wenn Rebsorten, die bisher den südlicheren Gebieten vorbehalten waren, nun in unseren Breiten auch gedeihen, gibt das eine grössere Vielfalt an anspruchsvollen Weinen, die sich auch verkaufen lassen».

Der Huglin-Index, der weltweit genau definiert, welche Rebsorten wo geeignet sind, zeigt denn auch ein eindrückliches Bild: Die «Rebbau-Eignung» von Gebieten wandert stetig nach Norden. Merlot-Rebstöcke zum Beispiel gibt es nicht mehr nur im Tessin.