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Legende: Audio Barbara Mühlheim über den Umgang mit Drogenabhängigen und den Link zu Teppichhandel und Politik abspielen. Laufzeit 16:35 Minuten.
16:35 min, aus Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 27.12.2018.
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Gespräche zum Jahreswechsel Barbara Mühlheim: «Süchtige sollen Verantwortung übernehmen»

Nach 30 Jahren Arbeit mit Drogensüchtigen hat Barbara Mühlheim im Frühling 2018 die Leitung der heroingestützten Behandlung (Koda) in Bern abgegeben. Im Gespräch mit Radio SRF blickt sie zurück auf die Zeit der offenen Drogenszene im Kocherpark, sie erzählt von Strenge und Verständnis den Abhängigen gegenüber und von Parallelen zur Politik und dem Teppichhandel.

Barbara Mühlheim

Barbara Mühlheim

Sozialarbeiterin, Politikerin und Teppichhändlerin

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Die Bernerin hat Jahrgang 1959. 30 Jahre lang hat sie mit Drogenabhängigen gearbeitet, davon 24 Jahre als Leiterin der heroingestützten Behandlung (Koda) in Bern.

Als Politikerin wechselte sie von der SP über die Grüne Freie Liste zu den Grünliberalen. Für letztere politisiert sie seit 2006 im Berner Kantonsparlament.

Seit 2008 führt Barbara Mühlheim in Bern ein kleines Geschäft mit Teppichen und Seidenschals.

SRF News: Wie sah es im Berner Kocherpark 1992/1993 aus, als die offene Drogenszene da war?

Barbara Mühlheim: Die Schwerstabhängigen übernachteten auch im Winter hier, in Decken eingewickelt. Sie hatten offene Beine und Arme vom ständigen Spritzen, es roch stark nach abgestorbenem Fleisch. Diese Szene war etwas vom Schlimmsten für mich. Nachts kamen die Dealer und trieben ausstehendes Geld ein. Sie bedrohten und verletzten Süchtige mit Messern, Frauen wurden vergewaltigt.

Sie arbeiteten hier als 32-jährige Sozialarbeiterin – was lösten diese Bilder bei Ihnen aus?

Ich lernte viel: Wenn eine Gesellschaft keine Normen, keine Gesetze und Begrenzungen hat, kommt schnell das Schlechteste des Menschen hervor. Die rein linke Haltung war nach dieser Zeit vorbei für mich. In der Drogenarbeit braucht es ein gleichwertiges Nebeneinander von Fürsorge und Polizei.

Dann kam die kontrollierte Heroinabgabe Koda. Sie haben dieses Programm 24 Jahre lang geleitet – was hielt Sie so lange dort?

Es war die Möglichkeit, mit den Süchtigen täglich ein Geben und Nehmen zu üben. Wir nahmen die Leute in die Verantwortung und sagten: ‹Du kommst hier legal zu reinem Heroin, wir erwarten von dir, dass du etwas daraus machst. Dass du dein Leben wieder in die eigenen Hände nimmst, wieder zu arbeiten beginnst und ein Teil der Gesellschaft wirst.› Ich sah viele Leute, die sich in diese Richtung positiv entwickelten.

Sie selber haben lange Zigaretten geraucht.

Ja, bis ich 41 war. In den letzten Jahren drei Päckchen täglich. Da spinnt man so jenseits, dass man weiss, was Sucht heisst. Ich hörte dann innert drei Monaten auf, weil ich überzeugt war, dass das für mich sonst zum Tod führt. Seither lasse ich die Finger davon. Aufhören ist das Eine, viel wesentlicher ist es, nicht wieder anzufangen.

Im Frühling haben Sie die Leitung des Koda abgegeben und haben nun mehr Zeit für Ihren Teppichladen und für die Politik. Sie sagten einmal, es gebe Parallelen zwischen all diesen Bereichen?

Ob im Teppichhandel, in der Politik oder mit Drogenabhängigen: Es geht meistens um Aushandlungsprozesse. Um erfolgreich zu sein, müssen Sie das Gegenüber mit Respekt behandeln und klar kommunizieren, was Sie wollen.

Die Spielregeln sind in allen Lebensbereichen gleich.

Und Sie müssen einen Kompromiss finden zwischen Ihrer Haltung und derjenigen des Gegenübers. Es ist unsinnig zu meinen, man könne seine allein seligmachende Haltung durchziehen.

Das Gespräch führte Elisa Häni.

Der Kocherpark mit einem Unterstand
Legende: Der Berner Kocherpark: Wo heute Familien spazieren, war von April 1991 bis März 1992 eine offene Drogenszene. Elisa Häni/SRF
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1 Kommentar

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  • Kommentar von Elisabeth Frehner-Isenring (Denia)
    Danke, Frau Mühlheim. Ihre Arbeit war wertvoll für die einzelnen Personen und die Gesellschaft generell. Dass es ein Miteinander von Unterstützung und Forderung nach Selbstdisziplin durch Arbeiten braucht ist wichtig. Wie weit dies auch in der Gassenarbeit von Zürich gemacht wird, weiss ich nicht. Dieses Beispiel hier im Artikel ist aber nachahmenswert.
    Alles Gute weiterhin.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen