Tschäppät sieht Reitschule, aber auch Polizei in der Pflicht

Nach den gewalttätigen Vorfällen vom Wochenende in Bern müsse der Leistungsvertrag mit der Reitschule unter die Lupe genommen werden, sagt Stadtpräsident Tschäppät. Aber die Hauptaufgabe sieht er bei der Polizei. Sie müsse die Täter identifizieren. Polizei und Reitschule verteidigen sich.

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Angriff auf Polizei in Bern: Politiker fordern Konsequenzen

5:26 min, aus Schweiz aktuell vom 23.2.2015

Die Angriffe gegen die Polizei in der Nacht auf Samstag sind für Stadtpräsident Alexander Tschäppät «einmal mehr einfach rohe Gewalt, absolut unverständlich und aufs Allerschärfste zu verurteilen.» Unbekannte hatten in Bern die Polizeiwache Waisenhaus, das Amtshaus und das Regionalgefängnis angegriffen. Die Gebäude wurden beschmiert, Fahrzeuge beschädigt. Ein Polizist wurde verletzt.

Bei ihrem Einsatz wurden die Polizisten nach eigenen Angaben mit Flaschen, Gläsern, Feuerwerkskörpern und weiteren Wurfgeschossen beworfen. Die Polizei setzte Gummischrot ein, woraufhin sich die Angreifer in den Bereich der Berner Reitschule zurückzogen - woher sie gemäss Polizeiangaben vorher auch gekommen sind.

Es sei klar, dass nun die Reitschule in der Pflicht sei, sagt Stadtpräsident Tschäppät. «Bei den gemässigten Kreisen in der Reitschule muss etwas gehen.» Der neue Leistungsvertrag mit dem Kulturzentrum Reitschule werde vom Gemeinderat nochmals unter die Lupe genommen. «Da stellt sich die Frage, ob es Elemente gibt, die man anpassen muss.»

«  Es gibt kein Patentrezept. »

Alexander Tschäppät

Der Gemeinderat sei in Sachen Reitschule aber bereits seit längerem aktiv. Man versuche, die Gespräche mit den Verantwortlichen des Kulturzentrums zu intensivieren, habe eine Mediation zwischen den verschiedenen Gruppierungen angeregt, man prüfe bauliche Massnahmen. Es gebe allerdings «kein Patentrezept, das man aus dem Zylinder zaubern kann».

Es sei auch falsch, die ganze Problematik der Reitschule anzulasten. «Das wichtigste Element nach solchen Vorfällen wären Ermittlungserfolge.» Wenn man Gewalttätern «wirklich habhaft werden will, muss man sie identifizieren und vor Gericht stellen». Und da sieht Tschäppät die Polizei in der Pflicht.

Schwierig für die Polizei

Ermittlungen seien in der Reitschule sehr schwierig, sagt Manuel Willi, Chef der Regionalpolizei Bern. Schwierig sei es, die Gewalttäter in die Masse der Menschen hinein zu verfolgen, die sich an Wochenenden im Kulturzentrum aufhielten. Und schwierig sei die verwinkelte Struktur des Gebäudes. Daher reagiere die Polizei so vorsichtig wie am Wochenende, wo sie eben die Gewalttäter nicht auf den Vorplatz des Kulturzentrums verfolgte.

Am allerschwierigsten aber sei, dass die Reitschule keinen funktionierenden Sicherheitsdienst habe. «Wir haben in der Reitschule keinen Ansprechpartner, mit dem wir uns koordinieren können.» Es gebe auch keine Zutrittskontrolle.

Jeder andere Club in der Stadt würde in einem solchen Fall einfach seine Tore schliessen, sagt Willi. Informationen über die mutmassliche Täterschaft bekomme man allenfalls über aussenstehende Rettungsdienste, aber in der Reitschule selber könne die Polizei schon froh sein, wenn sie in ihrer Arbeit nicht behindert werde.

Reitschule verurteilt mediale Eskalation

Die Mediengruppe der Reitschule Bern verurteilte den Versuch verschiedener rechts- oder wahlpolitisch motivierten Kreise, die Farbanschläge vom Wochenende medial eskalieren zu lassen. Seit einiger Zeit machten die Polizeiverbände Politik und versuchten mit ihren in den Medien platzierten Forderungen und Stellungnahmen gegen die Reitschule Einfluss zu nehmen, heisst es in einer Mitteilung der Mediengruppe der Reitschule.

Insbesondere indem sie politische Aktionen oder Ereignisse überhöhten, untermauerten sie ihre Forderungen nach noch mehr Überwachung, noch mehr Kontrolle und noch mehr Polizei.

Das reflexartige Schreien von Politikerinnen und Politikern nach einer Schliessung der Reitschule erstaune hingegen nicht. Denn am liebsten sähen jene Politiker die Reitschule geschlossen und mit weisser Fassade, damit ihre heile kleine Welt möglichst nicht gestört würde, heisst es.