Zum Inhalt springen

Header

Audio
Umstrittene Heimschulen: Fakten, Vorwürfe und Einschätzungen
abspielen. Laufzeit 10:50 Minuten.
Inhalt

Eltern schlagen Alarm Wenn das Recht auf Volksschule nicht für alle gilt

Flüchtlingseltern kritisieren die internen Schulen in Bündner Asylzentren und schlagen Alarm. Das Migrationsamt weist die Vorwürfe zurück.

  • Seit Jahrzehnten betreibt der Kanton Graubünden eigene Schulen in den Asylzentren.
  • Türkische Eltern kritisieren die Qualität des Unterrichts. Sie fordern, dass ihre Kinder die normale Volksschule besuchen können.
  • Das Migrationsamt weist die Vorwürfe zurück. Das Schulmodell habe sich bewährt.

Gleich die ganze Familie ist ins Radiostudio gekommen. Wortführerin ist die 40-jährige Perihan. Die Mutter bittet, nur ihren Vornamen zu nennen. Sie befürchte Repressionen aus ihrer alten Heimat. Die Familie mit zwei Töchtern kommt aus der Türkei. Perihan unterrichtete dort Physik an der Oberstufe.

Die Familie flüchtete letztes Jahr. Auslöser war die mehrmalige Inhaftierung des Vaters wegen seiner Nähe zur Gülen-Bewegung. Vor sieben Monaten fand die Familie Asyl in der Schweiz und landete in Graubünden.

«Die Lehrer unterrichten nicht»

Im Gegensatz zu anderen Kantonen wohnen im Bergkanton alle Asylsuchenden in Heimen. Schulpflichtige Kinder besuchen dort einen internen Unterricht. Die Klassen sind klein, Primarschüler von der ersten bis zur sechsten Klasse werden zusammen unterrichtet.

Wichtigstes Ziel laut offiziellem Schulkonzept: Die Kinder sollen individuell gefördert und so auf die reguläre Volksschule vorbereitet werden – mit viel Deutsch und einer Einführung in das hiesige Schulsystem.

Doch die Mutter und Oberstufenlehrerin zweifelt stark an der Qualität der Schule: «Die Lehrer unterrichten nicht. Sie geben den Schülern Deutsch- und Mathematikbücher und lassen sie dann selbstständig lernen». Kurz, ihre Tochter würde mit den Büchern alleine gelassen. Perihan hat beobachtet, dass andere Kinder den internen Unterricht mehr als zwei Jahre besuchten, ohne ein Volksschulniveau zu erreichen.

«Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht»

Eine ganz andere Sicht der Dinge hat Marcel Suter, Leiter des Bündner Migrationsamts. Kompetente Lehrpersonen würden die Kinder individuell fördern, er weise den Vorwurf der Mutter zurück. Die Rückmeldungen der Gemeinden, in welchen Kinder eingeschult wurden, seien durchwegs positiv.

Die Tradition der Mini-Schulen an Bündner Asylzentren ist alt. Vor Jahrzehnten kam der Kanton so den Gemeinden entgegen, die ein Asylzentrum im Dorf akzeptieren mussten – aber nicht noch zusätzlich alle Flüchtlingskinder in ihrer Schule wollten. Heute stehe die Förderung der Flüchtlingskinder im Vordergrund, sagt Suter.

Diese Förderung benötige je nachdem Zeit. Jene, die länger an den Heimschulen seien - manche sogar vier Jahre - müssten zuerst lesen und schreiben lernen und würden nicht genügend Deutsch für die Volksschule sprechen. «Zweitens sind manche Kinder traumatisiert, was zu Schwankungen bei der Leistungsfähigkeit der Kinder führt», erklärt der Leiter des Migrationsamts.

Kontakt nur mit Flüchtlingskindern

Traumatisierte Kinder, die Mühe mit Deutsch haben, seien ein problematisches Umfeld für sein Kind, sagt ein weiterer Vater. Davut ist 36 und Bauingenieur aus der Türkei. Seit einem Jahr besucht sein sechsjähriger Sohn den Kindergarten in einem anderen Transitzentrum.

Die Lehrpersonen seien zwar gut und würden professionell arbeiten. Doch statt in der Schweiz anzukommen, habe sein Kind nur Kontakt mit Flüchtlingskindern. Sein sechsjähriger Bub leide darunter: «In diesem Umfeld erhalten meine Kinder keine gute Schulbildung», lautet die Einschätzung des Vaters.

Übertritt ja – bloss wann

Unter den Eltern kursieren verschiedene Informationen, wann ein Übertritt an die Volksschule möglich ist. Davut erhielt im Heim die Auskunft, dass es für einen Übertritt zuerst einen positiven Asylentscheid brauche – was Jahre dauern kann.

Ein anderer Vater erfuhr im Elterngespräch, dass ein Übertritt frühestens nach zwei Jahren an der Heimschule geprüft würde.

Die offizielle Antwort des Migrationsamts lautet nochmals anders. Schriftlich heisst es zuerst, ein Übertritt würde frühestens nach eineinhalb Jahren geprüft. Im Gespräch erklärt Marcel Suter, ein Wechsel sei auch früher möglich: «Wenn ein Kind nach einem halben Jahr bereit ist, kann es an die Volksschule wechseln».

Ob die Voraussetzungen erfüllt seien, würden mehrere Fachpersonen miteinander beurteilen. Der Stand des Asylverfahrens spiele keine Rolle, unterstreicht Marcel Suter. Auch hier steht also Aussage gegen Aussage.

Wie lange Kinder im Schnitt die Heimschule besuchen, darüber führt der Kanton keine Statistik. Was auffällt: Knapp 90 Kinder besuchen eine der asylinternen Schulen, mehr als die Hälfte länger als zwei Jahre. Aktuell haben es nur neun Kinder an eine öffentliche Schule geschafft.

Schliessen

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

39 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Sep Oensinger  (Sep)
    Zitat vom Artikel, welcher vor sechs Jahren publiziert wurde:
    "Auch nach mehrmaligen Nachfragen gibt Marcel Suter keine schlüssige Antwort, wieso in den letzten sieben Jahren – also seit die Familien länger im Löwenberg wohnen – kein einziges Kind vom Transitzentrum an die Volksschule gewechselt hat."
    Gestern ist ein ähnlicher Artikel erschienen... Frage, ist das Modell erfolgreich oder braucht es Anpassungen? Dürfen (nicht fordern) sich die Flüchtlingseltern diesen Wunsch äussern? Klar oder?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von m. mitulla  (m.mitulla)
    Man soll einen ausgewogenen Interessenausgleich finden. Das Interesse der hiesigen Schüler ist es, in ihrer Muttersprache gefördert zu werden. Sofern fremdsprachige Kinder dem Unterricht folgen können, nehmen sie auch in Regelklassen daran teil. Es geht in der Schule nicht ausschliesslich um die Integration fremdsprachiger Kinder, sondern ebenso sehr um die Förderung der heimischen Kinder.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Franz NANNI  (igwena ndlovu)
    Was hier beschrieben ist ist eine von mehreren Schulen.. da ist es Moeglich, dass der Lehrkoerper seine Pflicht vernachlaessigt... das muss behoben werden.. andernseits finde ich es gut, dass den Kindern ermoeglicht wird, konzentriert die Landessprache zu erlernen um dann im Normunterricht nicht als Hemmschuh zu wirken...
    Einfach zusehen dass die Basisbildung funktioniert und die Kinder nachher integriert werden.. und dafuer sollte das Schulamt aktiv werden!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen