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Jahrestag in Bondo «Bondo ist nicht gesunken»

Heute vor einem Jahr hat der Bergsturz von Bondo das Dorf und das Tal für immer verändert. Diesen Veränderungen auf der Spur war auch Ueli Zindel. Für Radio SRF hat er vor Ort recherchiert, beobachtet, mit Menschen gesprochen. Mit dem Regionaljournal Graubünden spricht der Journalist über seine Eindrücke, über gelassene Bergeller und über einen Pfarrer mit Spitznamen «Schettino».

Mure in Bondo
Legende: Die Spur der Verwüstung vor einem Jahr in Bondo. Andrea Badrutt

SRF News: Was hat Sie am meisten beeindruckt bei Ihren Recherchearbeiten im Bergell?

Ueli Zindel: Nachdem ich eine ganze Woche im Bergell unterwegs war, habe ich die Erlebnisse in einem Kaffe in Bern Revue passieren lassen. Am Nebentisch sassen mehrere Leute. Sie beklagten sich über ihren Chef, über die Bedienung im Supermarkt, über die Nachbarn. Da habe ich mir gedacht: Das ist typisch für uns Unterländer, wir sind einfach wehleidig. So etwas habe ich im Bergell nie angetroffen. Die Menschen dort haben eine enorm schwierige Zeit gelassen, beinahe heiter, überstanden. Die Einheimischen hadern nicht, sie schauen vorwärts. Das hat mich sehr beeindruckt.

Wenige Kilometer von Bondo hat sich 1618 ein Bergsturz ereignet. Die damalige Handelsstadt Piuro wurde komplett zerstört. Sie haben das Ereignis von damals mit der Katastrophe von Bondo verglichen. Gab es Parallelen?

In jedem Fall erschüttern Naturkatastrophen die Menschen gewaltig. Damals in Piuro kamen über 1000 Menschen ums Leben. Die Pfarrer sagten damals, die Menschen hätten zu ausschweifend und zu überheblich gelebt, deshalb habe er sie mit der Naturkatastrophe gebüsst.

Heute glauben wohl die wenigstens noch an eine Strafe Gottes. Im weitesten Sinn spielt die Religion aber beim Bergsturz von Bondo eine Rolle. Seit dem Bergsturz ist das Pfarrhaus verweist, offenbar beschäftigt das die Einheimischen sehr?

Ja, ich wurde mehrfach mit dieser Geschichte konfrontiert während meiner Recherchen. Während fast alle Bewohner von Bondo nach dem Bergsturz wieder zurück in ihre Häuser gezogen sind, hat sich der Dorfpfarrer ein neues Zuhause im Tal gesucht. Damit ist das Pfarrhaus verwaist. Dies finden viele Menschen merkwürdig. Der Pfarrer hat deshalb auch einen Spitznamen bekommen, man nennt ihn Schettino Due, dies in Anlehnung an Francesco Schettino. Der Kapitän hatte damals in Italien die sinkende «Costa Concordia» als Erster verlassen. Aber eben, Bondo ist nicht gesunken, die Menschen sind geblieben und kämpfen für eine Zukunft.

Im Doppelpunkt zeigt SRF-Redaktor Ueli Zindel, wo die Spuren des Bergsturzes von letztem Jahr weiterhin sichtbar sind, wie die Menschen sie wegräumen und wie sie mit der bleibenden Unsicherheit umgehen.

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