Urige Traditionen auch im Winter

Gleich zweimal feiern die Appenzell Ausserrhodner in aufwendigen Gewändern die Jahreswende. Den kirchlichen Obrigkeiten zum Trotz besteht der Jahrhunderte alte Brauch noch bis heute.

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Der Brauch

5:49 min, vom 15.9.2012

Es gibt schöne, schö-wüeschte und wüeschte Silvesterkläuse. Neben der traditionellen Alpabfahrt bilden die Silvesterkläuse einen zweiten Jahreshöhepunkt bei den Urnäschern.

Um die Ursprünge dieses nur von Männern durchgeführten Brauchs ranken sich verschiedene Legenden. Entgegen dem weit verbreiteten Glauben, die Kläuse würden einem heidnischen Brauch entstammen, ist man sich heute einig, dass die Tradition bereits viel früher ihren Ursprung hatte.

Doppelter Auftritt

Zum ersten Mal schriftlich erwähnt wurden die Kläuse 1663. Während die Kirche im Kanton Appenzell Innerrhoden im 18. Jahrhundert das «Chlausen» unter Geldstrafe stellte, konnte der Brauch im Nachbarskanton bis heute aufrecht erhalten bleiben.

In sogenannten «Schuppel» – kleinen Gruppen – wandern die Kläuse zweimal im Jahr durch Urnäsch und feiern Silvester. Zum ersten Mal gewohnt am 31. Dezember nach aktuellem, gregorianischem Kalender und zum zweiten Mal nach dem alten, julianischen Kalender am 13. Januar.

«Wiiber» und «Mannevölcher»

Auf ihrem Rundgang, dem sogenannten «Schtrech», ziehen die Kläuse singend und «zauernd» von Tür zu Tür. Sie wünschen mit ihrem Jodel und den Glocken den Familien ein gutes Jahr und erhalten dafür eine kleine Spende, um die aufwendig erstellte Kleidung zu finanzieren.

Stets sechs Silvesterkläuse bilden einen «Schuppel». Zwei der sechs Kläuse tragen dabei Frauenkleider mit einem Gurt und 13 kleinen «Rollen» (Schellen). Die so gekleideten Kläuse werden «Wiiber» genannt. Neben ihnen gibt es auch «Mannevölcher», die je eine grosse Glocke auf der Brust und dem Rücken tragen. Der Anführer des «Schuppel» wird «Vorrolli» genannt und trägt eine weisse Blume im Mund.

Aufwand von über 100 Stunden

Bleibt nur noch der Unterschied zwischen Schöne, Schö-Wüeschte und Wüeschte zu klären: Schöne Kläuse sollen mit ihnen an Trachten angelehnten Kleidern den bäuerlichen Alltag abbilden. Die Schö-Wüeschte ähneln den Schönen, wobei ihre Trachten rein aus Naturmaterialien – Rannenreisig, Moos und anderen Naturmaterialien – hergestellt werden.

Wie ihr Name leicht verraten mag, sind die Wüeschte die am wuchtigsten gekleideten Kläuse. Ihre Kleidung besteht ebenfalls aus groben Naturmaterialien und erfordert oft über hundert Arbeitsstunden.