Thurgauer Grosser Rat lehnt Ersatz für Anlehre ab

Am Mittwoch hat der Thurgauer Grosse Rat die Einführung eines kantonalen Ausbildungsattests beraten. Für leistungsschwache Jugendliche soll damit ein Ersatz für die Anlehre geschaffen werden. Der Rat sprach sich zuerst für Eintreten aus, strich dann aber den zentralen Artikel der Vorlage.

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Bildlegende: Der Grosse Rat sprach sich gegen eine Ersatzlösung für die Anlehre aus. Keystone

Im Februar 2014 hatte der Thurgauer Grosse Rat mit 59 gegen 52 Stimmen eine Motion von BDP-Kantonsrat Roland A. Huber überwiesen. Er hatte darin einen kantonalen Ersatz für die vom Bund abgeschaffte Anlehre verlangt. Es gebe immer wieder Jugendliche, die nicht das schulische Niveau mitbrächten, um eine Ausbildung mit einer gesamtschweizerisch normierten Abschlussprüfung erfolgreich abzuschliessen, argumentierte damals Huber. Am Mittwoch diskutierte der Grosse

Rat über die konkrete Umsetzung der Motion: Die Regierung schlug vor, die Möglichkeit eines kantonalen Ausbildungsattests einzuführen. Darunter versteht sie ein zweijähriges, niederschwelliges Ausbildungsangebot mit reduzierten Lohnansprüchen, das ähnlich wie eine Lehre aus vier Tagen Arbeit im Betrieb und einem Schultag besteht.

Angebot für rund 20 Jugendliche

Die Regierung rechnet damit, dass pro Jahr rund 20 Jugendliche das Angebot nutzen könnten. Daraus würden sich Kosten von rund 128'000 Franken pro Jahr ergeben. Die vorberatende Kommission hatte diesen Vorschlag im Verhältnis von 8 zu 4 Stimmen unterstützt. Im Rat sprachen sich die Fraktionen von SP und Grünen für die Vorlage aus. Auch die SVP wie auch die EDU/EVP-Fraktion waren mehrheitlich für Eintreten. Man benötige einen niederschwelligen Weg, sonst landeten die Jugendlichen später in der Sozialhilfe, hiess es etwa.

Mehrheit für Eintreten

Mehrheitlich dagegen sprachen sich verschiedene Vertreter von CVP/GLP und FDP aus. Es brauche keine zusätzlichen kantonalen Angebote, sondern individuelle Lösungen, lautete eines der Argumente.Regierungsrätin Monika Knill (SVP) erklärte, für lernwillige, aber leistungsschwache Jugendliche gebe es in der Berufsbildung eine Lücke. Ziel sei es, diese Jugendlichen in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Der Rat stimmte zuerst mit 86 gegen 30 Stimmen für Eintreten auf die Vorlage. Danach lehnte der Kantonsrat aber nach längerer Diskussion den zentralen Artikel des Gesetzesvorschlags ab - mit dem Stichentscheid des Ratspräsidenten. Die ausgezählten Stimmen hatten mit 57 zu 57 ein Patt gebracht. Nach diesem knappen Entscheid könnte das Ausbildungsattest nicht eingeführt werden. Die Diskussionen dürften in der zweiten Lesung allerdings nochmals aufgenommen werden.