Benjamin Brägger: «Fürs Schwimmenlernen muss man ins Wasser»

Nach dem Tötungsdelikt im Zürcher Seefeld ist die Diskussion um Hafturlaube neu lanciert. Dass es die Urlaube braucht, ist für den Strafvollzugsexperten Benjamin Brägger unbestritten. Nur so könne man Straftäter auf ihr Leben in Freiheit vorbereiten. Handlungsbedarf sieht der Jurist aber dennoch.

Der mutmassliche Täter: ein Häftling, der aus seinem Hafturlaub nicht in die Strafanstalt Pöschwies zurückgekehrt ist. Das Tötungsdelikt im Zürcher Seefeld hat - obwohl noch ungeklärt - erneut die Kritiker des Strafvollzugs auf den Plan gerufen.

Auch die Zürcher Justizbehörden stehen vor allem von rechtsbürgerlicher Seite unter Beschuss. Zu Unrecht, findet Strafvollzugsexperte Benjamin Brägger. Die Behörden hätten, so weit er das beurteilen könne, alles richtig gemacht, sagte Brägger als Regionaljournal Wochengast. «Es handelt sich um einen tragischen Einzelfall, der einmal mehr zeigt, dass man nie zu 100 Prozent weiss, wie der Mensch reagiert.»

Hafturlaube bereiten auf Leben in Freiheit vor

Der grösste Teil der Hafturlaube jedoch verlaufe ohne Zwischenfälle. Es gebe darum keinen Grund, sie nicht mehr zu gewähren, so Brägger. Hafturlaube seien unverzichtbar, ein wichtiges Element, um einen Täter wieder auf das Leben in Freiheit vorzubereiten. «Es ist wie beim Schwimmen. Wenn man schwimmen lernen will, muss man irgendwann ins Wasser.»

Von Forderungen nach einer Verschärfung des Strafvollzugs, nach einer noch genaueren Prüfung der Häftlinge vor einem Hafturlaub, hält Brägger nicht viel. «Ich vergleiche es immer mit dem Autofahren. Wir haben 200 Verkehrstote pro Jahr. Trotzdem würde nie ein Politiker verlangen, dass man deswegen den Autoverkehr einstellt.» Man versuche aber sehr wohl, das Risiko weiter zu minimieren.

Und genau dasselbe passiere im Strafvollzug, wo zum Beispiel die Systeme zur Risikoanalyse laufend weiterentwickelt und verfeinert würden - auch kantonsübergreifend.