Bohren hinter Gittern: ein Morgen mit der Gefängniszahnärztin

Seit über 30 Jahren behandelt Yin Bing Fasler einmal in der Woche die Gefangenen des Untersuchungsgefängnisses in Zürich. Löcher bohren, Wurzel-Behandlung und vor allem Zähne ziehen stehen auf dem Programm. Angst habe sie nie - und für den Notfall gibts einen Alarmknopf.

Ein gelber Zahnarztstuhl mit Instrumenten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Alles da zum Zähne ziehen: Von innen sieht man der Praxis nicht an, dass sie sich in einem Gefängnis befindet. zvg

Hohe, graue Mauern umgeben den Innenhof des Gefängisses Zürich. Hinter diesen Mauern, im zweiten Stock, zwischen Zellengang zwei und drei, liegt die Zahnarztpraxis des Gefängnisses. Zweimal in der Woche können sich hier die 150 Gefangenen des Untersuchungsgefängnisses behandeln lassen.

Am Dienstag ist Zahnärztin Yin Bing Fasler im Gefängnis. Ihre Praxis liegt nur wenige Meter vom Bezirkgebäude entfernt, in dessen hinterem Teil das Untersuchungsgefängnis untergebracht ist. Seit über 30 Jahren behandelt sie die Häftlinge.

« Vor dem ersten Mal hatte ich grossen Respekt. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. »

Damals, als junge Zahnärztin, sei sie noch nie in einem Gefängnis gewesen.Schnell merkte sie aber, dass sie viel lernen konnte. «Die meisten Gefangenen kommen aus Kulturen oder Schichten, in denen die Zahnpflege weniger grosse Priorität hat als bei uns.» Oft kommen die Gefangenen mit abgebrochenen Zähnen, die gezogen werden müssen.Angst hat sie dabei nie - obwohl sie während der Behandlung mit den Insassen alleine ist.

«Die Gefangenen haben sich immer anständig verhalten», sagt Yin Bing Fasler.

« Für mich sind sie Patienten, die ein Zahnproblem haben, wie alle anderen Menschen. »

Für den Notfall gibt es in der Praxis einen gelben Alarmknopf. «Dann wären sofort die Aufseher zur Stelle», sagt die Zahnärztin und lacht. Gedrückt habe sie den Knopf noch nie.

Das Gefängnis bezahlt

Die meisten Behandlungen sind Notfälle: Löcher, die geflickt werden müssen, Wurzelbehandlungen und eben Zähne, die abgebrochen sind und gezogen werden müssen. Diese Notfälle bezahlt das Gefängnis. «Sie müssen behandelt werden», sagt Gefängnisleiter Markus Eppler. Rund 50'000 Franken kosten die Behandlungen pro Jahr. Will ein Gefangener jedoch mehr als die Notfallbehandlung, muss er für die Kosten selbst aufkommen.

Für Yin Bing Fasler sind die Besuche im Gefängnis zur Selbstverständlichkeit geworden. Doch auch sie ist froh, wenn sie nach einigen Stunden wieder nach draussen kann. «Auch ich fühle mich hier eingeschlossen. Da ist man ist doch froh, wenn man die Freiheit wieder hat - wenn man die Türen selbst aufmachen kann und nicht warten muss, bis sie aufgeschlossen werden.»