«Das ist sicher zu viel»

Am Flughafen Zürich sollen in Zukunft pro Jahr bis zu 13'000 Flugzeuge geradeaus gegen Süden starten, das sind sieben Prozent aller Flüge. Es ist eine der Massnahmen, mit denen der Bund die Sicherheit des Flugbetriebs weiter verbessern möchte. Dafür gibts Kritik, auch von der Stadt Zürich.

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Gerade Südstarts am Flughafen Zürich

4:48 min, aus Schweiz aktuell vom 27.9.2016

Die grösste Herausforderung für den Flugbetrieb stelle heute vor allem der Betrieb bei Bise oder bei Nebel dar, schreibt das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) in seiner Mitteilung. Werde bei solchen Wetterlagen mit Südabflügen geradeaus gestartet, könne die Sicherheitsmarge deutlich verbessert werden.

Mehr Südstarts mehr Sicherheit

«Von einem grossen Sicherheitsgewinn» spricht auch der Flughafen Zürich. Und für den Verband der Zürcher Flugverkehrsleiter ist der Vorschlag des Bundes sogar nur «das absolute Minimum.» Für mehr Sicherheit, sagt Sprecher Mario Winiger, müssten Südstarts den ganzen Tag durchgeführt werden können.

Südstarts sind vom Tisch

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Was ist der SIL?

Der Sachplan Infrastruktur Luftfahrt (SIL) bildet den Rahmen für den Betrieb und für die Bauten des Flughafens. Im sogenannten Objektblatt legt der Bund die Rahmenbedingungen für den Ausbau und den künftigen Betrieb des Flughafens Zürich fest.

Südstarts sind jedoch generell ein heisses Essen und werden seit Jahren kontrovers diskutiert. Denn für die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Zürich und anderer Südgemeinden heisst das: Mehr Lärm. Geht es nach dem Bund, würden in Zukunft sieben Prozent aller Flüge nach dem Start direkt über die Stadt Zürich führen. Aktuell wären dies 10'000 Flüge, bis 2030 rechnet der Bund mit 13'000 Flügen. Immerhin kommt der Bund den Gemeinden im Süden mit seinem Vorschlag aber auch etwas entgegen: Bei der Ausarbeitung hatte er nämlich die Variante erwogen, Südabflüge geradeaus während der Spitzenzeiten oder «über den ganzen Tag hinweg» zuzulassen. Davon sieht das BAZL nun «aufgrund der zu erwartenden deutlichen Zunahme der Lärmbelastung» ab. Südstarts über Mittag sind also vom Tisch.

Kritik der Stadt Zürich

Der Vorschlag des BAZL geht der Allianz Ballungsraum Flughafen Süd, zu der auch die Stadt Zürich gehört, aber immer noch zu weit. Die Zürcher Stadträtin Claudia Nielsen, hält fest: «Sieben Prozent aller Starts – das ist kaum mehr eine Ausnahme. Ich bin konsterniert» Ein Drittel davon soll ausserdem mit einer Rechtskurve geflogen werden. «Dies führt zu einer massiven Mehrbelastung des dicht besiedelten Gebiets in Zürich Nord», führt Claudia Nielsen aus. Ihr Fazit: Der Vorschlag müsse nun vertieft geprüft werden.

«  Ich bin konsterniert, dass es so viele sind - das ist eine massive Mehrbelastung. »

Claudia Nielsen
Vorsteherin Gesundheitsdepartement Stadt Zürich

Kritik aus dem Norden

Auch die Fluglärmorganisation IG Nord übt Kritik, aber aus gegenteiligen Gründen. Sie stört sich vor allem daran, dass auf Südstarts am Mittag verzichtet werden soll. «Mit Südstarts geradeaus über Mittag könnten Verspätungen abgebaut werden. Verspätungen, die sich sonst in den Abend hineinziehen», sagt dazu Hans-Peter Lienhart, Stadtpräsident in Bülach und Sprecher der IG Nord. «Die Flieger stören dann am meisten, wenn sie in der Nacht starten müssen.»

«  Südstarts geben nicht mehr Lärm und helfen Verspätungen abbauen »

Hans-Peter Lienhard
Stadtpräsident Bülach, Präsident IG Nord

Längere Pisten für noch mehr Sicherheit

Mehr Sicherheit verspricht sich der Bund auch von längeren Pisten. Auch dies würde wie die Südstarts helfen, gefährliche Kreuzungspunkte zu entschärfen, sagt BAZL-Chef Christian Hegner gegenüber dem «Regionaljournal»: «Ich möchte nicht mit einem Unfall auf einer Pistenkreuzung oder in der Luft konfrontiert werden, wenn wir nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben.» Auch gegen diese Massnahme wehrt sich die IG Nord. Pistenverlängerungen seien unnötig und bringen dem Norden mehr Lärm, ist Hans-Peter Lienhart überzeugt.

Bis Anfang November will der Zürcher Regierungsrat alle offenen Fragen mit den Gemeinden und den Fluglärmorganisationen diskutieren, erst danach wird er dem Bund seine Haltung zu den Vorschlägen mitteilen.

Gewisse Crash-Risiken bleiben bestehen

Der Betrieb am Flughafen Zürich gilt als extrem komplex, weil sich die Pisten am Boden und die Flugrouten in der Luft kreuzen. Nicht weniger als 27 Kreuzungspunkte mit Crash-Risiko zählt man innerhalb des Abflugverfahrens. Tatsächlich waren die Resultate einer Sicherheitsüberprüfung des Flughafens Zürich, die im Frühling 2013 vorgelegt wurden, alarmierend: Beim bestehenden Betrieb würden immer wieder Ereignisse mit hohem Risiko auftreten, war dort zu lesen. Es würden auch immer wieder schwere Vorfälle beobachtet, die im äussersten Fall zum Zusammenstoss zweier Flieger führen könnten. Es sei unbestritten, dass Handlungsbedarf bestehe. Aus Lärmschutzinteressen der Südanwohner gibt das BAZL dem Zürcher Widerstand gegen Südstarts nun zum Teil nach und gewichtet Lärmschutzinteressen in gewissen Situationen höher als die Sicherheit. Das hat zur Folge, dass die hohen Risiken bei normalen Wetterverhältnissen bestehen bleiben, wie BAZL-Direktor Hegner gegenüber Radio SRF eingesteht. (burp)