«Die Kinderarbeit war ein riesiges Problem»

Vor 150 Jahren gründeten die Arbeiter in Töss bei Winterthur einen Verein und wehrten sich gemeinsam gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in den Fabriken. Aus dem Verein gingen schliesslich SP und Coop hervor. Auch die Frauen in Töss standen für sich ein und forderten das Frauenstimmrecht.

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Bildlegende: Matthias Erzinger, ehemaliger Journalist, hat die Geschichte der Winterthurer Arbeiterbewegung aufgearbeitet. SRF

Töss war eines der ersten Dörfer, das eine Industrialisierung erlebte. Die Firma Rieter siedelte sich in Töss an. Nicht weit davon entfernt, in der Stadt Winterthur, hatte Johann Jacob Sulzer seine Firma gegründet.

Für mehr Demokratie - gegen Kinderarbeit

Die Ansiedlung der Fabriken versprach zwar Arbeit und Lohn, die Lebensbedingungen der Arbeiter im vorletzten Jahrhundert waren jedoch sehr schlecht: Es gab weder Versicherungen noch Renten, dafür mussten die Kinder mit anpacken.

Nebst der Demokratiebewegung im Kanton Zürich, die sich für Wahlen und Abstimmungen für alle stark machte, war die Kinderarbeit denn auch einer der Hauptgründe, weshalb sich die Arbeiter in den 1860er Jahren zusammenschlossen. «Ein unbekannter Metallarbeiter rief mit einem Flugblatt zur Gründung des Vereins auf», erzählt Matthias Erzinger, der die Geschichte der Arbeiterbewegung in Töss erforscht und dokumentiert hat.

Schon zuvor waren da und dort Arbeitervereine gegründet worden, sie scheiterten jedoch allesamt. Dass ausgerechnet der Verein in Töss Erfolg hatte, sei der breiten Unterstützung geschuldet, sagt Matthias Erzinger: «Auch der Pfarrer und die Lehrer spielten eine wichtige Rolle in dem Verein.» Später entstand aus dem Arbeiterverein die SP.

«Hilfe zur Selbsthilfe»

Lokal des Arbeitervereins Töss an der Metzgerstrasse in Töss. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Lokal des Arbeitervereins Töss an der Metzgerstrasse in Töss. Bildarchiv SP Töss

Nebst dem Verein gründeten die Arbeiter auch einen eigenen Laden. Sie wollten nicht länger von den teuren Läden abhängig sein, die oft genug auch noch ihren Patrons gehörten. «Nach englischem Vorbild galt das Motto: Hilfe zur Selbsthilfe.» Erfolgreich schalteten sie den Zwischenhandel aus, der Laden boomte, es wurden weitere Filialen eröffnet. Natürlich gab es auch Rückschläge: «In Ossingen machte sich einmal der Verwalter mit der Kasse davon.» Trotzdem entwickelten sich die Läden erfreulich, aus dem Konsumverein Töss entstand schliesslich der Coop.

Tösser Frauen als Wegbereiterinnen für das Frauenstimmrecht

Die Frauen in Töss leisteten ebenfalls Pionierarbeit: Sie organisierten sich in der «Sozialdemokratischen Frauen- und Töchterorganisation» und lancierten bereits vor hundert Jahren eine Initiative für das Frauenstimmrecht. Auslöser war der Ausbruch des Ersten Weltkrieges: Die Männer standen an der Grenze, die Frauen waren zuhause auf sich gestellt. Sie mussten zwar sämtliche Pflichten übernehmen, hatten aber keinerlei Rechte. Auch die Tössemer Frauen wurden unterstützt, vom Dorfpfarrer, aber auch von den Männern.

Das Frauenstimmrecht sei das grosse Thema geblieben bei den Frauen in Töss, auch nach dem Scheitern der ersten Initiative, erzählt Matthias Erzinger weiter: «Es gibt heute noch Frauen in der SP Töss, die die ganze Geschichte mitgemacht und den Wechsel erlebt haben. Es waren Pionierinnen, die den Weg bereitet haben.»

(kerf; Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 17:30 Uhr)