«Die Stadt Zürich wird in eine Blockade-Politik reinrutschen»

Für die FDP ist der Sieg des Alternativen Richard Wolff bei den Stadtratswahlen eine grosse Schlappe. Sie ist enttäuscht und prophezeit schwere Zeiten für die Stadt Zürich. Die AL hingegen ist begeistert und hofft auf Schub - auch bei den Wahlen für das Stadtparlament im nächsten Jahr.

Der weisshaarige Niklaus Scherr umarmt Stadtrat Richard Wolff. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gratulationen: AL-Urgestein Niklaus Scherr (l.) herzt den neuen Stadtrat. Keystone

Die FDP hat es verpasst, ihren zweiten Sitz im Zürcher Stadtrat zu verteidigen. Der Alternative Richard Wolff gewinnt die Stadtratswahl knapp mit 685 Stimmen Vorsprung.

«  Wir sind enttäuscht, vor allem auch für Zürich. »

Michael Baumer
Präsident der stadtzürcher FDP

Für die Entwicklung der Stadt Zürich sei das kein gutes Resultat, sagt Michael Baumer. «Mit diesem Resultat werden wir vermehrt in eine Blockade-Politik rutschen.» Sieben von neun Stadträtinnen und Stadträten sind nun Linke. «Ich befürchte einfach, die Vorlagen kommen nicht mehr ausgewogen daher», sagt Baumer. Die FDP werde deshalb vermehrt das Referendum ergreifen müssen. Und: «Die Mehrheit im Stadtrat hat keine Mehrheit im Parlament.»

In dieselbe Kerbe schlägt auch die SVP. Roger Liebi, Präsident der SVP der Stadt Zürich, spricht von einem ganz neuen politischen System. «Jetzt hat man eine linke Regierung und ein bürgerliches Parlament. Das gibt eine Oppositionspolitik.»

Den Vorwurf, die Bürgerlichen hätten zu wenig mobilisiert, lässt Michael Baumer nicht gelten. «Die Freisinnigen sind an die Urne. Ob die SVP genug mobilisiert hat, darüber lasse ich mich nicht aus.» Dies wiederum lässt die SVP nicht gelten. «In unseren Wahlkreisen hat Camin klar die Mehrheit geholt», sagt SVP-Präsident Liebi.

AL: Lustvoller Wahlkampf

Genau diese Unstimmigkeiten bei den Bürgerlichen habe die AL genutzt, sagt AL-Präsident Niklaus Scherr. «Wenn die Linken die Chance haben, die Spaltung bei den Rechten auszunutzen, dann tun wir das.» Richard Wolff habe gewonnen, weil er die Leute begeistert habe.

«  Es ist ein schöner Tag, ein historischer Tag. Wir haben im Wahlkampf viel gelacht und jetzt gibt es viel zu feiern.  »

Niklaus Scherr
Vorstand Stadtzürcher AL

Ist aber Richard Wolff ein Stadtrat für ein Jahr und wird er bei den Gesamterneuerungswahlen 2014 gleich wieder abgewählt? Niklaus Scherr winkt ab: «Wir haben den Sitz erobert ohne nahmhafte Unterstützung anderer Parteien.» Und er hofft auf Schub: «Vielleicht wird sich die Frage, ob eine 4 Prozente Partei in den Stadtrat gehört, mit den nächsten Parlamentswahlen erledigen.»

Stadtpräsidentin Corine Mauch setzt auf Kollegialität

Stadtpräsidentin Corine Mauch heisst ihren neuen Kollegen willkommen: «Ich freue mich auf eine kollegiale, konstruktive, lösungsorientierte Zusammenarbeit.» Die SP-Politikerin glaubt nicht an eine Polarisierung wegen der linken Übermacht im Stadtrat. «Die Stadtzürcher Stimmbevölkerung hat so entschieden. Ihr macht dies offenbar kein Bauchweh.» Wichtig sei, dass der Stadtrat weiter als Kollegium am selben Strick ziehe.