«Ich würde mir eine gute Note geben - eine Fünf»

39 Jahre lang arbeitete Martin Wendelspiess im Zürcher Volksschulamt, die letzten 18 Jahre als Chef. In dieser Zeit gab es unzählige Reformen. Heute gehöre die Zürcher Volksschule jedoch zu den besten in Europa, sagt «Mister Volksschule» wenige Tage vor seiner Pensionierung.

In den letzten 40 Jahren blieb in Zürcher Schulen kaum ein Stein auf dem anderen. Ständiger Begleiter aller Reformen: Martin Wendelspiess. Von der Abschaffung der Körperstrafe bis zur Einführung von Frühenglisch tragen alle Veränderungen die Handschrift des gelernten Juristen.

Schulleitungen waren wichtigste Neuerung

Die wichtigste Neuerung ist für ihn die Einführung der Schulleitungen. Damit hat nun jedes Schulhaus einen eigenen Chef. Zuvor, als seine drei Söhne zur Schule gingen, «konnte man im gleichen Schulhaus drei Welten erleben», erinnert er sich. Jeder Lehrer habe den Unterricht durchgeführt, wie er wollte. «Dank den Schulleitungen gab es gemeinsame Grundsätze, die für alle galten.» Das sei ein Gewinn für Eltern und Schulkinder, erklärte Martin Wendelspiess als «Regionaljournal»-Wochengast.

Während seiner Zeit im Volksschulamt erlebte er aber auch vier Erziehungsdirektoren und -direktorinnen mit gänzlich unterschiedlichen Handschriften: Von Alfred Gilgen (LdU), der vielen als Hardliner in Erinnerung geblieben ist, über «Reformturbo» Ernst Buschor (CVP) bis zur Pragmatikerin Regine Aeppli (SP) und aktuell der ehemaligen Staatsanwältin Silvia Steiner (CVP).

Europäische Spitze

Heute seien die Zürcher Schulen in einer guten Verfassung. «Wir sind ganz nahe bei den allerbesten in Europa», bilanziert Wendelspiess.

Bis Ende Mai leitet er das Volksschulamt noch. Danach wird aus dem umtriebigen Chefbeamten ein Rentner. Angst vor dem Nichtstun habe er nicht. «Eine gewisse Langeweile kann auch etwas Schönes sein», freut sich der Bald-Rentner. Und erste Pläne hat er auch schon. «Im Sommer gehe ich mit einem Freund nach Frankreich an die Fussball-EM.»

Und welche Note würde er erwarten, wenn er zum Abschluss seiner Schulzeit ein Zeugnis erhalten würde? «Ich glaube etwas mehr als genügend. Ich würde eine gute Note erwarten - eine Fünf.»

(kueh/kerf; Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 17:30 Uhr)