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Staatsanwalt fordert Freispruch
Aus Regionaljournal Zürich Schaffhausen vom 24.06.2020.
abspielen. Laufzeit 03:48 Minuten.
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Keine versuchte Tötung Zürcher Stadtpolizist freigesprochen

  • Das Zürcher Bezirksgericht hat einen 33-jährigen Stadtpolizisten vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung freigesprochen.
  • Er hatte 2015 elf Schüsse auf einen Äthiopier abgegeben, weil dieser mit einem Fleischmesser auf ihn und seine Polizei-Kollegen zuging.
  • Für den Richter waren die Aussagen der beteiligten Polizisten glaubwürdig und ihre Todesangst «plausibel».

Es gibt laut dem Gericht keinen Hinweis darauf, dass sich die Beteiligten in ihren Aussagen abgesprochen haben, wie es vom Geschädigtenvertreter behauptet wurde.

Was genau geschah

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Der Äthiopier war an einem Sonntagmorgen im Jahr 2015 mit einem 25 Zentimeter langen Fleischmesser in Zürich-Wiedikon unterwegs. Eine Polizeistreife wurde auf den Mann aufmerksam und wollte ihn zusammen mit einer weiteren Streife kontrollieren. Insgesamt waren fünf Polizisten vor Ort. Die Situation eskalierte innert kürzester Zeit.

Der Äthiopier ging sofort auf die Polizisten los und rief «kill me, kill me». Zwei von ihnen zogen ihre Waffe und gaben insgesamt 13 Schüsse ab, wobei das Opfer von sechs Kugeln getroffen wurde. Elf der 13 Kugeln stammten aus der Waffe des Beschuldigten, der sich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr genau an den Ablauf der Auseinandersetzung erinnern kann oder will.

Der Mann habe überhaupt nicht auf die Schüsse reagiert, auch nicht auf den Pfefferspray, so der Polizist. Stattdessen habe er mit dem Messer einen Satz auf ihn zu gemacht. «Es war er oder ich, da entschied ich mich, zu schiessen.»

Dass sich die Polizisten aufgrund ihrer Panik im Nachhinein nicht mehr an jedes Detail des Gerangels erinnern konnten, sei verständlich. Die Polizisten seien unter massivem Stress gestanden, so der Richter weiter.

Unsere Polizisten sind keine Rambos, keine Kampfmaschinen. Die Polizisten waren in dieser gefährlichen Situation genauso überfordert wie jemand, der nicht in der Polizeischule war. Kein Lehrbuch kann einen darauf vorbereiten.
Autor: Richterbei der Urteilsverkündung

Das Gericht folgte damit dem Staatsanwalt, der ebenfalls einen Freispruch forderte – eine Seltenheit in einem Strafverfahren. «Ist es so offensichtlich, dass die Beweislage nicht ausreicht, ist die Staatsanwaltschaft geradezu verpflichtet, einen Freispruch zu fordern», erklärte der Ankläger diese Besonderheit.

Er stellte die Untersuchung anfänglich ein. Der angeschossene Mann rekurrierte aber bis vor Bundesgericht und erhielt Recht. Das Bundesgericht entschied, dass der Staatsanwalt ermitteln müsse. Es sei nicht klar, ob dieser Waffeneinsatz wirklich rechtmässig gewesen sei.

«Polizist schiesst auf dunkelhäutigen Mann»

Der Anwalt des Äthiopiers kritisierte ironisch die für den Polizisten «wohlwollende Untersuchungsführung». Die Justiz sei von Anfang an der Meinung gewesen, dass die Schüsse gerechtfertigt gewesen seien. «Aber auch Polizisten können sich rechtswidrig verhalten.» Das sehe man an den jüngsten Vorfällen in den USA.

Den Zusammenhang mit der Polizeigewalt in den USA herzustellen, kam beim Polizisten-Anwalt schlecht an. «Dieser Fall birgt natürlich die Gefahr, dass er politisiert wird, weil ein Polizist auf einen dunkelhäutigen Mann geschossen hat.» Doch das sei völlig daneben, darum gehe es hier wirklich nicht.

Nicht mehr auf der Strasse im Dienst

Gegen den Äthiopier wurde daraufhin ebenfalls ein Strafverfahren eingeleitet. Das Bezirksgericht sprach ihn 2016 aber vom Vorwurf der versuchten schweren Körperverletzung frei und verordnete eine ambulante Therapie. Der Mann leidet an einer schizophrenen Psychose und war zum Zeitpunkt der Tat schuldunfähig. Er sagte aus, ein intensiver Geruch habe ihn zu dieser Tat angetrieben.

Der Beschuldigte arbeitet nach wie vor bei der Stadtpolizei, allerdings nicht mehr «auf der Strasse», sondern bei der digitalen Forensik, weil er ursprünglich eine Ausbildung zum Informatiker absolviert hatte. Die Versetzung an den Computer habe nichts mit dem Vorfall zu tun, sagte er. «Das war schon immer mein Ziel.»

Regionaljournal Zürich Schaffhausen 17:30 Uhr;

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Jos Peperkamp  (Peptalk)
    Als Justiz oberst A.D. finde ich eine Untersuchung korrekt, leider aber sind auch 5 Jahren viel zu lange. Natürlich wird an das “ Opfer“ gedacht aber auch für ein Polizist ist ein solcher langer Prozess eine Psychische Belastung. Ich wäre also aus Rechtswegen und Menschlichkeit froh mit eine unabhängige Untersuchung die schneller abgeschlossen werden könnte und eine bindende Aussprache machen würde ohne weitere Einspachen nachher.
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  • Kommentar von Nick Schaefer  (Nick Schaefer)
    In einem Polizeiwagen hätte es durchaus Platz für nicht lethale Waffen.
    Ein Fischernetz, lange Stangen, Elektroschocker, etc pp.
    Wir haben nichts davon gelesen, dass Passanten akut gefährdet waren.
    Die zahlenmässig weit überlegene Polizei hätte dem Mann so lange ausweichen können, bis andere Methoden zu Erfolg kamen.
    Das Rambomässige drauflosballern zeugt von miserabler Polizeiarbeit.
    Dadurch wurden auch Menschen in den umliegenden Gebäuden bedroht.
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    1. Antwort von Lukas Imboden  (luk91)
      Mit einem Fischernetz gegen ein Messer?? Ich denke Gladiatorenkämpfe auf offener Strasse sind nicht die Lösung. Das Prinzip der Staatgewalt ist, dass die Polizei stärker reagieren kann als sie angegriffen wird. Wenn sie eine tödliche Waffe (Messer) angreift darf darauf mit tödlicher Gewalt (Pistole) reagiert werden. Alles andere wäre eine unnötige Gefärdung der Polizisten.
      PS: würden sie dass auch schreiben wenn es ein Terrorist gewesen wäre?
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  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Warum tragen Polizisten überhaupt eine Waffe? Ihr Einsatz löst ja anscheinend jedesmal eine Staatskrise aus. Selbst wenn jemand nicht getötet wird.
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    1. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Jeder Waffeneinsatz löst eine Untersuchung aus und dies ist auch richtig so. Zudem haben in einem Rechtsstaat die Menschen die Möglichkeit zu klagen und den Fall gerichtlich beurteilen zu lassen. Dies ist hier geschehen. Ein sinnvoller, gewöhnlicher Vorgang. Dies dient auch dem Schutz der Polizisten*innen, denn diese rechtsstaatlichen Prozesse schaffen auch Vertrauen in unsere Polizei und das hat erheblichen Einfluss auf deren Arbeit und den Umgang mit den Menschen.
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