Spucks blasser Spuk

Christian Spuck mag literarische Vorlagen. Der Zürcher Ballettchef liess bereits Tolstojs «Anna Karenina» tanzen. Und nun den «Sandmann». Das Schauermärchen vom Professoren, der eine Puppe baut und damit den Studenten Nathanael in den Wahnsinn treibt, ist aber gar un-unheimlich.

Schauerlich beginnt der Abend im Zürcher Opernhaus. Es ist stockfinster, von Ferne ertönen düstere Klänge, und nur langsam hebt sich der schwarze Vorhang. Der Zürcher Ballettchef Christian Spuck ist ein Ästhet. Immer wieder wird er an dem Abend perfekte «Tableaux vivants» arrangieren, Bilder – wie gemalt. Zu Beginn ist es eine Biedermeierliche Familienidylle – der kleine Junge auf dem Schaukelpferd, die Mädchen mit Luftballons in den Händen. Die Eltern, die langsam zu tanzen beginnen.

Perfekter Soundtrack

Christian Spuck hat ein ausgesprochen gutes Gespür für die passende Musik. Für den «Sandmann» lässt er ein Streichquintett Schumann spielen. Im Graben sitzt ein riesengrosses Orchester und spielt Afred Schnittkes «in Memoriam». Verbunden werden diese musikalischen Welten von elektronischen Klängen, die Spucks Hauskomponist Martin Donner geschrieben hat. Ein Soundtrack, der jeden Szenenwechsel perfekt untermalt.

Auf der Bühne verändert sich nicht viel, nur manchmal öffnen sich die mattblauen Wände im Hintergrund und geben den Blick frei ins Labor des Professors Spalanzani. Hier baut er seine Puppe Olimpia, ein perfektes Wesen, das den Studenten Nathanael in den Wahnsinn treibt.

Perfekt getanzt ist dieser Abend. Klassisch grundiert sind die Schritte für die ganze Compagnie, nur seltsam angewinkelte Füsse und Hände fallen aus dem Rahmen. Die Tänzer dürfen viel komisches Talent zeigen und die Primaballerina Viktorina Kapitanova einen verzerrten, puppenhaften Spitzentanz. Ein makelloser Ballettabend ist dieser «Sandmann» – nur unheimlich ist er nicht.

(fren; Regionaljournal Zürich Schaffhausen; 17:30 Uhr)