Ärzte arbeiten häufig an der Belastungsgrenze: Hochgerechnet auf ein Vollzeitpensum betrug die Arbeitszeit von Assistenz- und Oberärztinnen im letzten Jahr im Durchschnitt 54.6 Stunden pro Woche. Das teilte der Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärzte im Juni mit. Erlaubt wären maximal 50 Stunden.
Um das Personal zu entlasten und bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen, führte das Spital Uster bereits vor zwei Jahren ein neues Arbeitszeitmodell ein – erst in der Chirurgie, vor einem Jahr auch für Assistenzärztinnen der inneren Medizin. Das Prinzip: Die Arbeitszeiten sollten verkürzt werden.
Extreme Arbeitszeiten nehmen ab
Konkret reduziert das 42+4-System die Gesamtpräsenz der Assistenzärzte auf 46 Stunden pro Woche. 42 Stunden werden für die klinische Tätigkeit in Anspruch genommen, also für die Betreuung der Patientinnen. Vier Stunden fliessen in die Weiterbildung.
Dieses Modell habe sich bewährt, sagt Federico Mazzola, Oberarzt Chirurgie am Spital Uster. «Wir haben gesehen, dass wir es bei ungefähr 60 Prozent der Wochen umsetzen können.» Aber: Bei den restlichen 40 Prozent sei man bisher nicht am Ziel.
Dass das Modell noch nicht komplett umgesetzt werden kann, hat laut Mazzola mehrere Gründe. Der Spitalalltag sei sehr dynamisch, geprägt von personellen Wechseln und ungeplanten Notfällen. Dies erschwere eine fixe Planung.
Wir haben gesehen, dass wir in ungefähr 60 Prozent der Wochen die 42+4-Woche umsetzen können.
Aber: Das neue Modell führe ganz klar dazu, dass Ärzte weniger häufig extreme Arbeitsspitzen leisten müssten, Arbeitszeiten über der gesetzlichen Limite von 50 Stunden pro Woche.
Ein Muss gegen den Fachkräftemangel
Positiv sei auch, dass das Spital mittlerweile mit zahlreichen Befürchtungen aufräumen konnte. So habe sich die neue Regelung nicht negativ auf die Patientensicherheit ausgewirkt. «Wir hatten nie eine Reklamation oder einen Kommentar von Patientinnen und Patienten», betont Mazzola.
Und auch die Sorge, die reduzierte Arbeitszeit führe zu weniger praktischer Erfahrung am Patienten, habe sich nicht bewahrheitet, sagt Mazzola. Zudem seien auch die vier Stunden Weiterbildung fest im Wochenablauf verankert.
Für Mazzola ist die reduzierte Arbeitszeit mehr als nur eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen – es sei eine Notwendigkeit. Er verweist dabei auf alarmierende Zahlen: «Wir haben 30 Prozent der Medizinstudierenden, die sich überlegen, den Beruf gar nicht anzutreten. Und wir haben 10 bis 15 Prozent der Assistenzärztinnen und -ärzte, die ihren Facharzttitel nicht abschliessen.»
Angesichts des drohenden Fachkräftemangels müssten die Spitäler deshalb handeln. «Ich glaube, es ist ein Muss für alle Spitäler, daran zu arbeiten, die Leute zu behalten.»
Weniger Zeit für Berichte, mehr für die Patienten
Auch das Spital Affoltern will nun ab September im ganzen Haus auf das 42+4-Modell bei den Assistenzärztinnen setzen, wie CEO Irene Christen bestätigt. «Wir hören uns natürlich um, was die anderen Häuser machen.» Und man wolle damit auch auf die Wünsche von Bewerbenden eingehen.
Wichtig sei vor allem, dass die Kosten stabil blieben. Das Spital Affoltern wolle vor allem in der Administration effizienter werden, sagt Christen – etwa mit technischen Hilfsmitteln bei der Erstellung von Berichten. «Diese Chance wollen wir nutzen und in die Arbeitszeit investieren.»