Im Kanton Bern bereiten sich derzeit 72 Personen ohne Lehrdiplom auf ihren ersten Einsatz vor einer Schulklasse vor – in einem einwöchigen Sommercamp der Pädagogischen Hochschule (PH) Bern. Die Teilnehmenden sind im Durchschnitt rund 40 Jahre alt und kommen aus ganz unterschiedlichen Berufen. Nach den Sommerferien werden sie an Schulen im Kanton unterrichten.
Im Camp erhalten die zukünftigen Lehrpersonen eine Einführung in die wichtigsten Grundlagen des Unterrichts. Ziel sei es, den künftigen Lehrpersonen das nötige Rüstzeug für den Start ins Schuljahr mitzugeben, erklärt die Angebotsverantwortliche Simone Sturm: «Es geht darum, dass sie den Schulunterricht überhaupt aufnehmen können, dass sie beispielsweise den Lehrplan 21 kennen.»
Rund jede zehnte Lehrperson ohne Lehrdiplom
Laut dem Berner Bildungsdirektor Reto Müller verfügen im Kanton Bern derzeit rund zehn Prozent der Lehrpersonen über kein Lehrdiplom.
Wir wissen nicht, wie viele Personen ohne Lehrdiplom sich nachqualifzieren.
In den Arbeitsverträgen jener Personen ohne Lehrdiplom steht zwar, dass sie eine Ausbildung nachholen müssen, wie viele es dann tatsächlich tun, ist aber nicht klar: «Wir wissen nicht, wie viele sich nachqualifizieren. Wir beobachten aber, dass die Anzahl derjenigen, die kein Lehrdiplom haben, in den letzten Jahren gewachsen ist, das heisst, dass wohl nur teilweise eine Nachqualifikation stattfindet», so Reto Müller.
Kritik am Crash-Kurs
Nicht alle sehen die Sommercamps positiv. Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), beurteilt das Modell kritisch. Eine Woche Vorbereitung vermittle zwar eine gewisse Sicherheit, könne aber eine reguläre Lehrerausbildung nicht ersetzen.
Für Rösler steht fest: Wer dauerhaft als Lehrperson arbeiten wolle, müsse die nötigen Qualifikationen nachholen. In anderen Berufen sei es undenkbar, nach einem kurzen Einführungskurs ohne vollständige Ausbildung tätig zu sein.
Zürich zieht die Zügel an
In Zürich dürfen ab dem kommenden Schuljahr grundsätzlich keine Lehrpersonen ohne Diplom mehr unterrichten. Ausnahmen sind lediglich in besonders stark betroffenen Bereichen wie der Heilpädagogik vorgesehen. Ähnlich in Luzern. Dort heisst es, dass sich die Lage etwas entspannt habe. Aus den vergangenen Jahren gäbe es vermutlich noch Personen ohne Lehrdiplom, welche unbefristete Anstellungen bekommen hätten, aber Neuanstellungen von Quereinsteigenden dürften zurückgegangen sein.
Weniger Kinder, mehr ausgebildete Lehrpersonen
Langfristig könnte sich die Situation schweizweit entspannen. Gemäss Prognosen des Bundes werden die Schülerzahlen ab 2027 aufgrund sinkender Geburtenraten zurückgehen. Bis 2032 dürfte es deshalb auf der Primarstufe in nahezu allen Regionen der Schweiz genügend qualifizierte Lehrpersonen geben.
Für den Kanton Bern bedeutet dies jedoch nicht, dass Quereinsteigerprogramme sofort überflüssig werden. Bildungsdirektor Müller verweist darauf, dass der Kanton seit Jahren Studienangebote für Berufsumsteigerinnen und Berufsumsteiger kennt. Diese sollen weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Er hoffe auch, dass sich möglichst viele der Quereinsteiger noch nachqualifizieren.