Ein Mann soll immer wieder Frauen betäubt haben, um sexuelle Handlungen an ihnen vorzunehmen – und er hat dabei die Taten auch noch gefilmt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem versuchten Mord, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung vor und fordert eine lebenslange Haftstrafe. Bis zum Urteil gilt für ihn die Unschuldsvermutung. Aber eine Frage stellt sich bereits heute: Was treibt solche Täter an?
Es ist eine besonders perfide Form der sexuellen Gewalt, wenn ein Täter Frauen aus seinem Umfeld mit Betäubungsmitteln bewusstlos oder wehrlos macht, sie danach missbraucht und das ganze noch filmt. Wie häufig so etwas vorkommt, kann man nicht sagen, denn es gibt keine belastbaren Zahlen.
Für das Opfer ist das unendlich belastend.
Zum Glück sei diese Form der Gewalt eher selten, sagt der forensische Psychologe Jérôme Endrass, der für den Justizvollzug im Kanton Zürich tätig ist und an der Universität Konstanz lehrt und forscht. Er betont aber auch: Es ist eine Realität, dass es solche Fälle gibt.
Und solche Fälle – wie der, der jetzt aus dem Aargau geschildert wird – sind grauenhaft. «Es ist unvorstellbar schlimm, wenn man etliche Male etwas erlebt hat, es sich auf Video anschaut und sieht, was mit einem passiert ist», sagt Endrass. «Für das Opfer ist das unendlich belastend.»
Das eine Motiv gibt es nicht
Für Opfer ist das traumatisch. Und zugleich ist es wichtig herauszufinden, warum es Männer gibt, die so etwas tun. Laut dem Experten Jérôme Endrass gibt es nicht das eine, alles erklärende Motiv bei den Tätern. Für die einen seien solche Missbrauchsvideos einfach Tauschmaterial in pornografischen Internetplattformen oder so etwas wie Eintrittstickets in einschlägige Darknet-Gruppen.
Für andere Täter wiederum ist es speziell erregend, wenn sie den ganzen Missbrauch filmen und immer wieder anschauen können. «Es kann auch sein, dass man gerne so etwas besitzt – eine gewisse Sammelleidenschaft. Den Tätern ist es wichtig, eine Art Trophäe zu besitzen. Sie gibt ihnen ein Gefühl der Kontrolle, der Dominanz, der Macht.»
Bei vielen Sexualstraftätern sei es so, dass sie sich über die Jahre hinweg in etwas hineinsteigern und immer weiter radikalisieren würden. Vor allem, wenn sie sich in Internetforen bewegen würden, in denen sogenannte Vergewaltigungsmythen verbreitet werden.
Missbrauchsverklärung in Internetforen
«In solchen Foren peitschen sich Männer gegenseitig auf, mit absurden, grauenhaften Theorien», erklärt Endrass. So würde beispielsweise verbreitet, dass Frauen Ja meinten, wenn sie Nein sagten. Oder, dass Männer ein Recht auf ihre Sexualität hätten oder es niemanden wirklich schaden würde, wenn sie Sex gegen ihren Willen hätten.
Mit der Zeit verinnerlichen dann einige der Teilnehmer solche Weltbilder und begehen selber Missbrauchshandlungen. Punkto Prävention wäre es laut Jérôme Endrass wertvoll – soweit es praktisch machbar und rechtlich zulässig ist – solche Internetforen zu kontrollieren und gegen den Sachverhalt, dass dort Missbrauch verklärt und propagiert wird, vorzugehen. Gewiss wird der aktuelle Fall aus dem Aargau noch einige Diskussionen auslösen.