Wie gut wissen Politikerinnen und Politiker, was ihre eigene Wählerschaft denkt? Eine neue Studie zu den eidgenössischen Wahlen 2023 hat genau das untersucht – und kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Kandidierende aller grossen Parteien schätzen ihre Basis konservativer ein, als sie tatsächlich ist. Die Parteien im Überblick:
SP – Überschätzung bei Erhöhung des Rentenalters
Bei der SP zeigt sich die grösste Fehleinschätzung bei wirtschaftspolitischen Themen. Besonders deutlich wird das beim Rentenalter: SP-Kandidierende gehen davon aus, dass ihre Wählerschaft eine Erhöhung stärker befürwortet, als sie es tatsächlich tut. Die Differenz beträgt fast 25 Prozentpunkte. Gleichzeitig unterschätzen sie die Unterstützung ihrer Basis für einen Mindestlohn.
Bei gesellschaftspolitischen Fragen wie den Rechten gleichgeschlechtlicher Paare liegen die Kandidierenden hingegen deutlich näher an der Realität: Ihre Einschätzung weicht dort kaum von der tatsächlichen Haltung ihrer Wählerschaft ab.
Die Mitte – Wählerschaft deutlich progressiver als angenommen
Keine andere Partei liegt bei der Einschätzung ihrer Wählerinnen und Wähler so daneben wie die Mitte. Über die vier untersuchten Themen hinweg unterschätzen ihre Kandidierenden am stärksten, wie progressiv die Wählerschaft tatsächlich ist.
Besonders gross ist die Differenz bei der Einführung eines Mindestlohns und bei den Rechten gleichgeschlechtlicher Paare: In beiden Fällen unterschätzen Mitte-Politikerinnen und -Politiker die Zustimmung ihrer Basis um jeweils mehr als 20 Prozentpunkte.
FDP – Fehleinschätzung bei der Wirtschaftspolitik
Bei der FDP zeigen sich die grössten Unterschiede bei wirtschaftspolitischen Themen. Die Kandidierenden unterschätzen sowohl die Unterstützung ihrer Wählerschaft für einen Mindestlohn als auch die Ablehnung einer Erhöhung des Rentenalters. In beiden Fällen liegen sie um rund 20 Prozentpunkte daneben. Bei gesellschaftspolitischen Themen ist die Diskrepanz kleiner. Ausgerechnet in ihrem Kernthema Wirtschaftspolitik liegen FDP-Kandidierende bei der Einschätzung ihrer Basis also besonders häufig falsch.
SVP – bei Stimmrechtsfrage konservativer als gedacht
Auch SVP-Kandidierende nehmen ihre eigene Wählerschaft bei vielen Themen konservativer wahr, als sie tatsächlich ist. Beim Rentenalter ist dieser Irrtum besonders gross: Die SVP-Basis steht einer Erhöhung deutlich skeptischer gegenüber, als die Politikerinnen und Politiker erwarten.
Ein überraschendes Ergebnis zeigt sich bei einem der Kernthemen der SVP, dem Stimmrecht von Ausländerinnen und Ausländern. Hier schätzen die Kandidierenden ihre Basis als progressiver ein, als sie tatsächlich ist. Es ist der einzige Fall, bei dem die Wählerschaft konservativer ist als von den Politikerinnen und Politikern angenommen.