Was stimmt und was nicht? Diese Frage ist heute präsenter denn je, doch die gezielte Verbreitung von Falschnachrichten hat eine lange Tradition. «Fake News, also Desinformation, das ist eine absichtlich in die Welt gesetzte Falschnachricht. Und die ersten Beispiele finden sich bereits in der Antike», sagt Medienwissenschaftler Daniel Vogler von der Universität Zürich.
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Bild 1 von 2. Ein frühes Beispiel von gezielter Desinformation ist die Propaganda Octavians, des späteren Kaisers Augustus. Nach seinem Sieg in der Schlacht bei Actium liess er den Triumph so überhöht darstellen, dass er fortan als unangefochtener Dominator über seine Gegner Antonius und Kleopatra galt. Bildquelle: Mark Landon.
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Bild 2 von 2. Auch im Mittelalter wurde getrickst: Die Habsburger nutzten gefälschte Dokumente über angeblich alte Privilegien, um neue Machtansprüche geltend zu machen. Bildquelle: Staatsarchiv Österreich.
Ihre wahre Sprengkraft entwickelte Desinformation jedoch erst im Zeitalter der Massenmedien. Mit der Erfindung der Zeitung, später ergänzt durch Radio und Fernsehen, konnten Falschinformationen erstmals ein riesiges Publikum erreichen.
«Ein Klassiker, wenn man von Desinformation redet, ist natürlich die Referenz an das Dritte Reich», so Vogler. Im Namen der Propaganda seien gezielt Unwahrheiten verbreitet worden, etwa über die jüdische Bevölkerung. Dem Volk sei weisgemacht worden, der «Endsieg» sei nur noch Monate entfernt – eine Behauptung, die in keinem Verhältnis zur Realität des Kriegsverlaufs stand. «Nur noch, was den Herrschern genützt hat, wurde auch verbreitet», erklärt Vogler.
Trotz kritischem Journalismus: Lügen für den Krieg
Als Reaktion auf die Propaganda der Diktaturen entwickelte sich in der Nachkriegszeit ein neues Ideal: Der kritische, von der Politik unabhängige Journalismus erlebte eine Blütezeit. Doch auch das konnte Desinformation nicht vollständig verhindern.
Ein prägnantes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist der Irak-Krieg 2003:
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Bild 1 von 2. Die US-Regierung unter George W. Bush legte teils falsche Beweise über angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak vor. Sie fanden medial grosse Verbreitung. Bildquelle: George Washington University.
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Bild 2 von 2. Der US-Präsident George W. Bush rechtfertigte mit den teils falschen Beweisen den Einmarsch im Irak. Bildquelle: Archiv.
Für Vogler ist dies «ein typisches Beispiel für Desinformation im Zeitalter des Fernsehens».
Das Internet «demokratisiert» die Desinformation
Mit dem Aufkommen von Internet und Social Media entfesselt sich die Desinformation neu. Ab dann kann jeder Falschnachrichten erstellen und verbreiten. Die Reichweite ist gross. Laut dem Medienwissenschaftler wecken besonders absurde und unsichere Inhalte das Interesse der Menschen – und der Algorithmen.
Die problematischsten Fälle von Desinformation werden immer noch von oben nach unten produziert.
Doch die Gefahr kommt nicht nur «von unten». Auch Mächtige nutzen Social Media gezielt, oft im Zusammenspiel mit klassischen Medien, um ihre Kampagnen zu verstärken. «Die problematischsten Fälle von Desinformation werden immer noch von oben nach unten produziert», sagt Vogler.
Die neue Ära der KI – und wie man ihr begegnet
Das jüngste Kapitel in der Geschichte der Desinformation schreibt künstliche Intelligenz. Sie vergrössert das Repertoire für Fake News enorm. «Man kann Inhalte viel schneller erstellen. Man kann mehr Inhalte erstellen. Man kann ganze Webseiten mit falschen Inhalten relativ schnell mit wenig Kenntnis programmieren», warnt Vogler.
Die Frage «Was ist echt, was nicht?» wird dadurch noch drängender. Dennoch gibt es Grund zur Hoffnung. Vogler betont, dass Menschen Desinformation nicht wehrlos ausgeliefert sind: «Wir haben heute auch viel mehr Möglichkeiten, alles zu kontrollieren. Wir haben Suchmaschinen. Wir haben die Möglichkeit, etwas zu recherchieren.» Und Medienausbildung gäbe den Menschen Möglichkeiten, dem Phänomen zu begegnen.
Desinformation ist ein altes Problem, doch mit den Mitteln der Gegenwart lässt sich ihm begegnen.