Die Nichtwähler – einfach faul oder besser als ihr Ruf?

Wenn im Herbst das eidgenössische Parlament neu bestimmt wird, wird wohl wiederum über die Hälfte der Wahlberechtigten zu Hause bleiben. Was steckt hinter dem vermeintlichen Schlendrian in der direkten Demokratie, der europaweit erstaunt?

Szene vor dem Bundeshaus. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Schweizer Volk: Ziemlich wahlfaul, aber bei Sachvorlagen erstaunlich regelmässig auf Zack. Keystone/Archiv

Nur die wenigsten geben gern zu, dass sie bei den nächsten Parlamentswahlen nicht an die Urne gehen. Nicht so eine Passantin, die vor dem Bundeshaus offen eingesteht: «Ich bin abgeschreckt von den tausenden lachenden Gesichtern, die mir eigentlich alle Ähnliches versprechen.» Ein junger Mann ist überzeugt, dass seine Stimme allein nichts ausmacht. Er lasse deshalb die anderen wählen.

Sie verfolge die Politik weniger, beim Wählen müsse man recht viel durchlesen und kenne die Leute ja doch nicht, sagt eine andere Frau. Und eine andere Stimme meint: «Wenn ich es mache, möchte ich es genau machen, doch dazu gehe ich zu wenig aufs Thema ein.»

Daten zeigen differenzierteres Bild

Keine Zeit, keine Lust, keine Ahnung – sind die Schweizer ein Volk von Politikverdrossenen? Dieser Schein trüge, sagt der Politologe Uwe Serdült vom Zentrum für Demokratie in Aarau. Er hat anonymisierte städtische Stimmregister-Daten ausgewertet und kennt darum das Abstimmungsverhalten von fast 40‘000 St. Gallerinnen und St. Gallern. Dabei hat sich gezeigt, dass innerhalb von vier Jahren 80 Prozent der Stimmbevölkerung mindestens einmal an der Urne waren.

Ähnliche, ebenfalls harte Daten aus dem Kanton Genf bestätigen: Rund 80 Prozent der Stimmberechtigten beteiligen sich an der Demokratie, aber nicht jedes Mal. Immer an die Urne geht ein harter Kern von 20 Prozent. Bei den jüngeren Generationen sind dabei die Frauen mindestens so aktiv wie die Männer. Die lange Zeit der tieferen Frauenbeteiligung gehört also bald der Geschichte an.

Ziemlich wahlfaul, aber punktuell interessiert

Insgesamt seien die Schweizer Stimmberechtigten besser als ihr Ruf, hält Politologe Serdült internationalen Studien entgegen, welche die direkte Demokratie oft unter dem Aspekt der tiefen Stimm- und Wahlbeteiligung betrachten.

Dass Nichtwähler und –wählerinnen sehr wohl abstimmen, zeigt auch die Strassenumfrage in Bern. «Ich nehme sehr gern Einfluss, wenn es um Abstimmungen geht, ob etwa eine Strasse ausgebaut wird und wie meine Steuergelder eingesetzt werden», sagt eine Frau. Er gehe nur, wenn es ihn interessiere, ergänzt ein anderer. Bei Abstimmungen habe man eher eine Meinung, auch weil man mehr davon höre.

Direkte Demokratie und Konkordanz als Erklärung

Trotzdem: Warum sind ausgerechnet die Wahlen so unattraktiv? Ein wichtiger Grund für den «Wahl-Schlendrian» sei die direkte Demokratie, erklärt Adrian Vatter, Professor für Schweizer Politik an der Universität Bern. Denn insbesondere über das fakultative Referendum könne jeder Parlamentsentscheid korrigiert werden: «Es ist also gar nicht so wichtig, wie das Parlament zusammengesetzt ist.»

Auch die Konkordanz, also die Einbindung aller grösseren Parteien in die Regierung, mache die Schweizer Wahlen weniger attraktiv – weil Wahlen sehr selten zu Wechseln im Bundesrat führten.

Grossteil der Nichtwähler ist «zufrieden»

Im Herbst erscheint der Sammelband «Wahlen und Wählerschaft in der Schweiz». Darin beschreiben Forscher der Universität Bern anhand von Umfragedaten aus den letzten Nationalratswahlen sechs Typen von Nichtwählern.

Dabei falle auf, dass über die Hälfte der Nichtwähler kaum etwas am Politbetrieb auszusetzen habe, sagt Vatter: «Die grösste Gruppe der Nichtwählenden äussert sich grundsätzlich zufrieden über die Art, wie Bundesrat und Parlament Politik machen.»

Viele Nichtwähler sind also zufrieden. Und sie sind offensichtlich aktiver, als es die Zahlen zu einzelnen Urnengängen vermuten lassen. Das sind gute Nachrichten. Sie ändern aber nichts an der geringen helvetischen Wahllust: Kandidatinnen und Parteien können sich also noch so ins Zeug legen: Rund die Hälfte der über fünf Millionen Wahlberechtigen wird das Wahlcouvert auch dieses Jahr ins Altpapier statt in die Wahlurne werfen.