3 Wähler aus 3 Generationen: Die Sorge um die Vorsorge

Wie ist das Miteinander der drei Generationen, was ist das ideale Rentenalter und hat man selbst genug vorgesorgt? Über diese Fragen diskutieren 3 Wähler aus 3 Generationen und ein Politologe in der Sendung «Treffpunkt».

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Bildlegende: 3 Wähler aus 3 Generationen und Moderatorin Christina Lang im «Treffpunkt» in Bern. SRF/Severin Nowacki

Gerade hat der Ständerat beschlossen, wie er die AHV reformieren will. Die Altersvorsorge beschäftigt alle Generationen: Müssen ältere Menschen künftig länger arbeiten, womit dürfen Junge noch rechnen, wenn sie einmal alt geworden sind? Darüber reden 3 Wähler aus 3 Generationen: Der 21-jährige Leon Haueter, die 51-jährige Silvia Gilliand und der 79-jährige Primo Micheluzzi. Der Politologe Georg Lutz ordnet die Aussagen in den grösseren Zusammenhand ein und erklärt die historische Entwicklung der Altersvorsorge.

Wie ist Ihr Verhältnis zu anderen Generationen oder was machen Sie für einander?

Silvia Gilliand: Ich habe mich zusammen mit meiner Schwester bis zu seinem Tod um meinen Vater und dann vor allem auch um meine Mutter gekümmert. Es war selbstverständlich, dass wir das übernommen haben. Es war aber auch ziemlich aufwendig, da ich drei Kinder habe. Heute sind wir froh, dass unsere Mutter in einem Alterszentrum gut versorgt wird. Wir sind aber immer für sie da, wenn sie etwas braucht.

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Bildlegende: «Ich arbeite freiwillig immer noch 30 Stunden in der Woche»: Rentner Primo Micheluzzi. SRF/Severin Nowacki

Leon Haueter: Ich kann mir sehr gut vorstellen, einmal für meine Eltern zu sorgen, wenn sie alt sind. Es wäre zwar bestimmt nicht mein Lieblingshobby, aber ich verdanke meinen Eltern sehr viel, sie haben viel für mich geopfert. Da ist es selbstverständlich, dass ich vielleicht auch einmal etwas für sie opfern muss. Jetzt ist das aber noch kein Thema.

Primo Micheluzzi: Ich arbeite als Nachhilfelehrer für Schüler im Alter zwischen 11 und 15 Jahren. Dort ist Motivieren ein grosses Thema: Viele junge Leute haben heute ein Problem einzusehen, warum sie bestimmte Dinge überhaupt lernen sollen. Dort muss ich aufzeigen, dass man für sich persönlich und die eigene Zukunft lernt.

Welche der drei Generationen ist politisch am stärksten?

Georg Lutz: Wenn man das Parlament anschaut ist die mittlere Generation mit Abstand am besten vertreten. Nur rund 35 Prozent der Wähler sind zwischen 45 und 65 Jahre alt, aber rund 70 Prozent der Parlamentarier gehören zu dieser Altersgruppe. Die Jungen, aber auch die ältere Generation ist deutlich unterrepräsentiert.

Bei den Stimmberechtigten sieht es anders aus: Die Jungen sind schwer davon zu überzeugen, dass Politik etwas Wichtiges ist. In der älteren Generation ist die Stimmbeteiligung etwa doppelt so hoch wie in der jungen.

Was ist das ideale Rentenalter?

Leon Haueter: Ich bin der Meinung, das Rentenalter sollte flexibel sein. Es wäre am besten, wenn man arbeitet, solange man mag und kann und sich nicht an einer Art Ablaufdatum orientieren muss. Ich arbeite als Zimmermann und möchte nicht bis 65 auf dem Bau arbeiten. Ich stelle mir aber sowieso vor, später etwas Eigenes auf die Beine zu stellen und nicht immer ein Angestellter zu bleiben.

Primo Micheluzzi: Ich arbeite freiwillig immer noch 30 Stunden in der Woche. Grundsätzlich finde ich, wir können heute länger arbeiten, weil wir länger gesund bleiben. Vielleicht bis 67 oder 68. Aber es müsste auch Arbeit geben. Momentan ist es so, dass die Unternehmer keine alten Leute einstellen wollen, weil sie glauben, die packen das nicht mehr. Einfach länger arbeiten müssen, ohne dass es wirklich Stellen gibt: Das geht nicht.

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Bildlegende: «Das Rentenalter 67 ist kein Tabu mehr»: Politologe Georg Lutz. SRF/Severin Nowacki

Silvia Gilliand: Ich möchte sehr gerne mit 64 in die Rente gehen. Als Frau hat man stets eine Doppelbelastung: Man zieht Kinder gross, man arbeitet, kümmert sich vielleicht noch um die Eltern. Zudem existiert immer noch keine Lohngleichheit zwischen Männern und Frauen. Deshalb finde ich, dass Frauen dafür früher in die Rente gehen dürfen sollten.

Georg Lutz: Einer der Widersprüche in unserem System ist: Einerseits besteht zumindest auf dem Papier die Gleichberechtigung für Mann und Frau und deshalb sollten auch beide das gleiche Rentenalter haben.

Auf der anderen Seite – das ist das Argument der Linken – ist die Gleichstellung de facto noch nicht realisiert, zum Beispiel gibt es nicht erklärbare, grosse Lohnunterschiede. Aus dieser Logik ist ein höheres Rentenalter für Frauen nicht zu rechtfertigen. Allerdings kippt die Stimmung: Die Zeichen stehen eher auf einem Rentenalter von 65 für beide Geschlechter. Und auch das Rentenalter 67 ist kein Tabu mehr.

Sind Sie daran fürs Alter zu sparen oder haben Sie genug gespart?

Silvia Gilliand: Fürs Alter zu sparen, ist für mich momentan noch schwierig. Unsere Kinder sind noch in Ausbildung und vollkommen von uns abhängig. Ich denke aber, man sollte sich nicht immer so viele Gedanken machen. Mein Motto ist: Es kommt meistens besser, als man denkt.

Leon Haueter: Ich will zusammen mit Freunden ein Stück Land in Panama kaufen und dieses bewirtschaften, als Selbstversorger sozusagen. Wir sind im Moment daran, mögliche Grundstücke übers Internet zu suchen. Wenn ich diesen Traum realisieren kann, ist er auch eine Art Altersvorsorge.

Primo Micheluzzi: Ich muss mit wenig Geld auskommen, weil ich einen Teil meiner Altersvorsorge zur Rettung einer Schule eingesetzt hatte, was dann leider nicht klappte. Ich bereue das aber nicht und finde auch, ich muss nicht über meine Situation jammern. Man muss die Situation nehmen, wie sie ist und das Beste daraus machen.

Treffpunkt Wahllokal Bern

57 min, aus Treffpunkt vom 10.09.2015

Georg Lutz: Bis ins 19. Jahrhundert war die Absicherung im Alter eine Familienangelegenheit. Es gab kein Rentensystem. Die Leute arbeiteten solange sie konnten. Erst mit der industriellen Revolution veränderte sich die Situation. Erstmals kam die Frage auf, was passiert, wenn man nicht mehr arbeiten und die Familie nicht zu einem schauen kann.

Von linken Parteien kam dann politischer Druck auf, eine Altersvorsorge einzurichten. Das war ein Kampf über 50 bis 60 Jahre hinweg. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde dann die AHV eingeführt und von einer 80-Prozent-Mehrheit des Volkes angenommen.