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Auf dem Bild sind drei Menschen zu sehen: Max Elmiger, Direktor der Caritas Zürich, Amelia Ventura, Armutsbetroffene, Ramona Rossi, Patin von Amelias Tochter Ariadna (von links nach rechts).
Legende: Armut aus drei Perspektiven Max Elmiger, Direktor der Caritas Zürich, Amelia Ventura, Armutsbetroffene, und Ramona Rossi, Patin von Amelias Tochter Ariadna. SRF / Yves De Prà
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2 x Weihnachten «Armut ist ein Teufelskreis»

In der Schweiz leben 144 000 Kinder in Armut. An der Situation ihrer Familie leiden sie besonders. Eine armutsbetroffene Mutter, die Patin ihres Kindes und ein Experte schildern Armut aus ihrer Sicht.

Amelia Ventura: «Ich verstecke die Armut vor den Kindern»

Amelia Ventura hatte keinen leichten Start ins Leben. Sie ist selbst in einer armutsbetroffenen Familie in einer 1,5-Zimmer-Wohnung aufgewachsen. Ihre Mutter hat sie alleine aufgezogen. Heute ist Amelia Ventura selbst alleinerziehende Mutter. Mit ihren beiden Töchtern lebt sie am Existenzminimum.

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Amelia Ventura: «Ich verstecke die Armut vor den Kindern»
Aus 2 x Weihnachten vom 21.12.2020.
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Arm zu sein, verbindet sie mit Scham. «Ich habe das Gefühl, dass ich nichts erreicht habe», sagt die junge Mutter. Als sie mit 18 unerwartet schwanger wurde, brach sie ihre Lehre ab. Auch den zweiten Anlauf brach sie ab, als sie erneut schwanger wurde. Mittlerweile arbeitet Amelia Ventura in einem Fast-Food-Restaurant. Nur von Sozialgeldern zu leben, könnte sie sich nicht vorstellen: «Meine Arbeit gibt mir Normalität.»

Die 24-Jährige muss im Alltag auf vieles verzichten. Sie habe kein Kabelfernsehen, esse nie in einem Restaurant und kaufe sich selten neue Kleider. Sie versuche ihren Kindern so viel zu geben wie sie könne. «Ich spare nur an mir selbst», sagt Ventura. Sie versuche, die Armut so gut wie möglich vor ihren Kindern zu verstecken. Weil ihre Kinder erst drei- und fünfjährig seien, klappe das ganz gut. Sie sei aber besorgt, wie es werde, sobald ihre Töchter älter sind: «Ich habe Angst, dass sie ausgeschlossen werden.»

Ramona Rossi: «Es braucht nicht viel, um viel zu verändern»

Ramona Rossi ist Patin von Amelia Venturas fünfjähriger Tochter Ariadna. Rossi und Ariadna haben sich vor eineinhalb Jahren durch ein Patenschaftsprojekt der Caritas kennengelernt. Mittlerweile haben Patin und Patenkind eine emotionale Beziehung zueinander: «Zeit mit Ariadna zu verbringen tut auch meiner Seele gut», sagt Rossi.

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Ramona Rossi: «Es braucht nicht viel, um viel zu verändern»
Aus 2 x Weihnachten vom 21.12.2020.
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Oft sind ungeteilte Aufmerksamkeit und Zeit für Ausflüge in armutsbetroffenen Familien selten. Darum hat die Caritas das Patenschaftsprojekt «mit mir» ins Leben gerufen. Das Projekt hat zum Ziel, dass die Patin oder der Pate ein- bis zweimal im Monat einen Ausflug mit dem Patenkind macht. Das kann etwa ein Besuch im Zoo oder im Hallenbad sein oder ein Spaziergang im Wald.

Ramona Rossi hat sich dazu entschieden Patin zu werden, weil sie selbst privilegiert aufgewachsen ist. «Ich gebe gerne», sagt die 30-Jährige. Sie sieht das Leben als Kreislauf. Alle sollten der Gesellschaft etwas zurückgeben: «Es braucht nicht viel, um viel zu verändern.»

Max Elmiger: «Armut ist ein Teufelskreis»

144 000 Kinder leben in der Schweiz in Armut. Max Elmiger kennt viele solche Schicksale. «Oft merkt man es einem Kind nicht einmal an, dass es in Armut lebt», sagt der Direktor der Caritas Zürich. Die Eltern würden versuchen, die Armut so gut wie möglich zu verstecken – etwa, indem sie ihre Kinder gut kleiden.

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Max Elmiger: «Armut ist ein Teufelskreis»
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Trotzdem zeige sich die Armut im Alltag. Als Beispiel nennt Max Elmiger eine Geburtstagsfeier. Ein armutsbetroffenes Kind wird zu einem Geburtstag eingeladen, kann aber kein Geschenk mitbringen. Oder: Ein Kind wäre gerne Teil eines Sportvereins, darf das aber nicht, weil das Geld dafür fehlt. Kinder aus armutsbetroffenen Familien können sich so ausgeschlossen fühlen. Das führt zu Isolation, die die Armut wiederum verstärkt: «Armut ist ein Teufelskreis», sagt Elmiger.

Dabei brauche es nicht viel, um ein Kind zu fördern. Eine Person, die sich Zeit nehme, reiche bereits aus. Das kann gemäss Elmiger auch jemand sein, der nicht aus der Familie kommt – so wie im Projekt «mit mir»: «Das Selbstwertgefühl der Kinder steigt und sie blühen richtig auf.»

«2x Weihnachten»: Aktion für Menschen in Not

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In der Schweiz leben rund 735 000 Menschen in Armut. Gemäss der Caritas Schweiz muss eine Einzelperson, die in Armut lebt, mit weniger als 2293 Franken pro Monat auskommen. Bei einer vierköpfigen Familie liegt die Armutsgrenze bei 3968 Franken.

«2x Weihnachten» ist eine gemeinsame Aktion des Schweizerischen Roten Kreuzes, der Post, Coop und der SRG. Sie findet vom 24. Dezember 2020 bis am 11. Januar 2021 statt und unterstützt Menschen in Not. So können Sie mitmachen:

  • Füllen Sie ein Paket mit lang haltbaren Lebensmitteln und geben sie es gratis bei einer Poststelle ab.
  • Die Post bringt die Pakete zum Schweizerischen Roten Kreuz, welches die gespendeten Geschenke an armutsbetroffene Menschen verteilt.
  • Mehr Informationen zur Aktion gibt es hier.

Radio SRF 1, 24.12.2020, 15:15 Uhr

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27 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Armut ist eine Frage der Optik, der persönlichen Bedürfnisse, der Eigen-Initiative, aktivem, oder inaktivem Handeln, der Lebenseinstellung!
    "Man kann nicht den Föifer und das Weggli haben", ohne notwendige Eigen-Initiative, Arbeit!
    Lebens-Qualität ist auch Prioritäten-Setzung im Leben = "ohne Eigeninitiative, Engagement, also ohne Fleiss kein Preis"!
    Das Schweizer Sozialwesen ist äusserst grosszügig, kulant - die Anforderungen an SozialhilfebezügerInnen, oftmals kaum, oder nicht vorhanden.
  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    2022 - Fakt ist, ungeschützter Geschlechtsverkehr, kann zu einer Schwangerschaft führen....und dann noch eine 2-te...?
    Ohne Ausbildung, wenig Möglichkeiten betreffend Arbeit und Lohn. Und dann noch mit Kind/Kindern...?
    In einem andern Land, gäbe/gibt es - je nachdem - KEINERLEI soziale Unterstützung!
    In der Schweiz schon. Und das ohne jegliches Dazutun der betreffenden Person/Personen...
    Finanzielle Eigenständigkeit = adäquate Schul-und Berufsbildung, arbeiten für den eigenen Lebensunterhalt
  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Normal ist, dass es in der Menschheit unterschiedlich finanzieller Wohlstand gibt.
    Da es auch unterschiedliche: Inteligenz, Engagement, Schulbildung, Ausbildung, Ehrgeiz und damit Berufsstände gibt.
    Armut: es gibt verschiedene Möglichkeiten, um in eine "Armut" in der Schweiz zu gelangen. Und auch das ist relativ, da auch der persönliche Ehrgeiz, sich und sein Leben selbständig zu finanzieren, extrem unterschiedlich ist!
    Für ein eigenständiges Leben in der Schweiz, muss gearbeitet werden!