In den 1980er-Jahren eskalierte die Drogensituation in der Schweiz. Offene Szenen prägten das Stadtbild – in Zürich etwa oder auch in Bern, wo sich Konsum und Handel zunehmend in Parks und auf öffentlichen Plätzen konzentrierten.
Der Berner Psychiater Robert Hämmig hat Suchtkranke betreut und gilt als Pionier in der Suchthilfe. Für die Bevölkerung seien die Drogen damals das grösste Problem gewesen, das die Schweiz hatte.
-
Bild 1 von 5. In aller Öffentlichkeit spritzen sich 1990 Drogenabhängige auf dem Platzspitz Zürich Heroin. Bildquelle: Keystone/STR.
-
Bild 2 von 5. Eltern von Drogenabhängigen demonstrieren 1991 in Bern und wollen den Verlierern im illegalen Geschäft mit Drogen eine Stimme geben. Bildquelle: Keystone/Edi Engeler.
-
Bild 3 von 5. Nach dem Platzspitz versammelte sich die Drogenszene am Bahnhof Letten in Zürich. Bildquelle: Keystone/Martin Rüetschi.
-
Bild 4 von 5. Drogenelend am Bahnhof Letten in Zürich. Bildquelle: Keystone/Martin Rüetschi.
-
Bild 5 von 5. Mit häufiger Polizeipräsenz wird 1996 auf der Berner Bundesterrasse dafür gesorgt, dass keine offene Drogenszene entsteht und Passanten oder Touristen sich frei bewegen können. Bildquelle: Keystone/Lukas Lehmann.
Zum Drogenproblem gesellte sich die rasante Ausbreitung von HIV; viele Abhängige infizierten sich durch gemeinsam genutzte Spritzen. Die bis dahin dominierende Politik aus Repression und Abstinenz zeigte kaum Wirkung und erreichte viele Betroffene nicht mehr.
Mit zivilem Ungehorsam ein Tabu gebrochen
Am 17. Juni 1986 eröffnete die Stiftung Contact in Bern das weltweit erste «Fixerstübli», einen Drogenkonsumraum mitten in der Berner Altstadt. «Mit zivilem Ungehorsam machten wir das, was wir für nötig hielten», sagt Robert Hämmig. Was heute als fester Bestandteil moderner Suchthilfe gilt, war damals ein hoch umstrittener Tabubruch.
Damals glaubte man, dass ein normales Leben für Abhängige nicht möglich sei und alle abstinent leben müssten, sagt Robert Hämmig. Heute wisse man, dass Betroffene mit der richtigen Unterstützung, etwa durch die Verschreibung von Methadon, Morphium und Heroin, ein weitgehend normales Leben führen können.
Paradigmenwechsel zu «würdigen Überleben»
Mit dem «Fixerstübli» setzte man vor 40 Jahren bewusst auf einen neuen Ansatz: Konsum wurde nicht mehr ausschliesslich bekämpft, sondern unter Aufsicht toleriert – verbunden mit medizinischer Hilfe, Beratung und sozialer Betreuung.
Ziel war ein «würdiges Überleben». Im Fixerstübli tauchten Menschen auf, die man zuvor nicht erreicht hat, sagt Hämmig, der die Suchtkranken im «Fixerstübli» betreute.
Diese Form der Schadensminderung war weltweit einzigartig und wurde rasch international beachtet. Bereits wenige Jahre später entstanden ähnliche Einrichtungen in anderen Schweizer Städten und auch im Ausland.
Politischer Durchbruch: Vier-Säulen-Modell
Die Erfahrungen aus Bern und anderen Städten führten in den 1990er-Jahren zu einem Paradigmenwechsel auf nationaler Ebene. Die Schweiz entwickelte die sogenannte Vier-Säulen-Politik: Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression.
Dieses Modell wurde 2008 gesetzlich verankert und gilt international als wegweisend. Die «Fixerstübli» – heute «Kontakt- und Anlaufstellen» – bilden dabei einen zentralen Bestandteil der Schadensminderung.
Von der Katastrophe in die Normalität
In der Zwischenzeit haben sich die Zustände von damals normalisiert. Dennoch bereiten Robert Hämmig aktuell die Kokain-Hotspots in Zürich und Genf Sorgen. «Generell braucht es immer wieder Anpassungen, wenn neue Substanzen auf den Markt kommen», sagt Hämmig.
Einen Unterschied zu früher sieht Robert Hämmig primär bei der Finanzierung von Programmen. Die Drogen waren damals die «Sorge Nummer 1». Damals seien, so Hämmig, die Behörden noch bereit gewesen, noch mehr Geld in die Hände zu nehmen, um Programme zu finanzieren. Heute bekomme man solche Gelder nicht mehr «ohne weiteres».