Die Songs auf Pippo Pollinas neustem Album erzählen von Angst, Schmerz und Verlust, aber auch von Hoffnung, Liebe und Menschlichkeit. Etwas, das der Musiker mit sizilianischen Wurzeln und Schweizer Pass verkörpert.
SRF: Welche Begegnung oder welche Zusammenarbeit hat Ihnen gezeigt, dass Musik auch Freundschaft sein kann?
Pippo Pollina: Die Freundschaft zu Linard Bardill ist der Grund, weshalb ich letztendlich Mitte der 1980er-Jahre in der Schweiz geblieben bin. Ohne diese Begegnung wäre das wahrscheinlich nicht passiert. Ich wäre weiterhin auf Reisen gegangen.
Die Freundschaft mit Linard öffnete mir eine neue kulturelle Welt, veränderte alles und machte mir eine bis dahin unbekannte Arbeitsweise verständlich. Sie war die Grundlage meines Ankommens hier.
Was bedeutet das Reisen für Ihre Musik?
Jede Reise hat ihre Farbe, ihren Geruch und ihren Sound. Jede Reise hat ihre Instrumente, ihre Melodie. Ich versuche bei jeder Reise immer mindestens ein Musikinstrument aus dem Land mitzunehmen.
Wenn Sie Ihre Songs in einer anderen Sprache interpretieren müsstest, welche wäre es?
Spanisch. Ich liebe diese Sprache. Vor allem klingt Spanisch nach Südamerika. Ich kann relativ gut Spanisch reden – sogar mit argentinischem Akzent, sagen meine Freunde aus Südamerika. Die lateinamerikanische Musik hat mich immer begeistert. Ich bin aufgewachsen mit dieser Musik, deshalb ist sie tief in mir verwurzelt.
Was ist schwieriger, einen Text oder die Melodie für ein Lied zu schreiben?
Es gibt Lieder, wo ich mit dem Text anfange und dann kommt die Musik dazu oder umgekehrt. Es gibt Lieder, wo die Musik und der Text gleichzeitig kommen. Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt keine fixe Methode.
Da habe ich die mutige Entscheidung getroffen, in der Schweiz zu bleiben.
Welches ist der mutigste Schritt in Ihrer Karriere?
2005 habe ich klare Zeichen bekommen: Es wäre besser für meine Karriere nach Italien zurückzukehren. Meine Plattenfirma wollte das. Ich hätte einen Aufenthalt von ein paar Jahre in Rom gehabt, und meine Kinder hätten dort die Schule besucht. Es war alles bereit – und viele Konzerte in Italien geplant. Da habe ich die mutige Entscheidung getroffen, in der Schweiz zu bleiben.
Ich wusste, wenn ich nach Italien gehe, könnte es sein, dass ich meine tiefe Beziehung zu diesem Land und der Kulturszene verliere. Das wollte ich nicht.
Was für eine Bedeutung spielt Stille in Ihrem Leben und in Ihrer Musik?
Sie ist ganz wichtig. Ich höre fast keine Musik mehr. Ich halte es nicht aus, dass immer wo man hingeht, Musik präsent sein muss. Beim Coiffeur, in Geschäften oder im Tram läuft Musik. Das ist unerträglich. Die Musik braucht totale Aufmerksamkeit.
Deshalb ist mir Stille ganz wichtig geworden. Ich höre auch im Auto keine Musik mehr. Ich will der Musik die richtige Aufmerksamkeit schenken. Wenn ich Lust darauf habe, dann ist die Aufmerksamkeit nur bei der Musik und nirgendwo sonst.
Wenn Sie ein Konzert für nur eine einzige Person geben müssten. Wer wäre das?
Das habe ich schon gemacht. Ich habe einmal ein Konzert in Frankreich gegeben, wo ein einziger Zuschauer vor Ort war. Das war in Grenoble, vor 30 oder 35 Jahren und es eine ganz besondere Erfahrung. Die Frage war: Spiele ich oder spiele ich nicht. Ich dachte mir dann: Warum soll ich den Zuschauer bestrafen, der den Weg auf sich genommen hat, um mich zu besuchen? Deshalb habe ich gespielt.
Das Gespräch führte Mark Schindler.