Schreckliche Bilder, traurige Menschen und fehlende Worte: Wie erzähle ich Kindern und Jugendlichen von einer Katastrophe, wie sie sich in Crans Montana am 1. Januar 2026 ereignet hat? Urs Braun ist Notfallpsychologe und weiss, wie man mit Kindern über tragische Ereignisse sprechen sollte.
SRF : Wie erkläre ich einem Kind von einer Katastrophe wie in Crans Montana?
Urs Braun: Kinder müssen altersgerecht informiert werden. Kinder zwischen 5 und 7 Jahren sind anders als jene im Alter von 10 oder 12 Jahren. Wichtig ist auch eine Sprache, die das Kind versteht.
Man soll auf das eingehen, was die Kinder wissen wollen.
Und Kinder, die noch nicht so viel verstehen?
Mann muss vor allem auf Fragen eingehen. Man sollte herausfinden, ob das Kind überhaupt Fragen hat. Das Kind «volltexten» mit Informationen ist sicher nicht sinnvoll, wenn es keine Fragen stellt.
Man sitzt mit der Familie im Auto und hört im Radio die Nachrichten von Crans Montana. Soll man lieber auf die Fragen der Kinder Antworten oder sogar proaktiv etwas erklären?
Ich würde das Kind fragen: «Was hast du verstanden und wo brauchst du noch Erklärung?» Man soll auf das eingehen, was die Kinder wissen wollen.
Man muss ehrlich sein und nicht versuchen das Kind zu schonen.
Wie kann ein Kind so schlimme Nachrichten verarbeiten? Was braucht es da?
Eltern, die vorleben, wie man mit solchen Nachrichten umgeht. Sie sollen zeigen, dass schlimme Dinge auf der Welt passieren. Man muss dabei aber die Gefühle und Ängste der Kinder aufnehmen und diese ansprechen und nicht totschweigen.
Auf was muss man achten, wenn man einem Kind etwas Negatives erklären oder eine schlechte Nachricht mitteilen muss?
Man muss ehrlich sein und nicht versuchen das Kind zu schonen. Das Kind vertraut einem. Wenn das Kind dann feststellt, dass es angelogen wurde, ist das viel der grössere Vertrauensbruch, als wenn man die Wahrheit erzählt.
Den Umgang mit Tod muss man altersmässig betrachten.
Aber man muss auch nicht alles im kleinsten Detail erklären?
Ich würde keine Details schildern, die es nicht braucht. Wenn das Kind aber nachfragt und sich interessiert, soll man auf das antworten, was das Kind wissen will.
Wie gehen Kinder mit dem Tod um?
Das muss man auch altersmässig betrachten. Kinder zwischen 6 und 10 Jahren verstehen die Absolutheit vom Tod nicht wirklich. Die Endgültigkeit dahinter verstehen sie nicht. Ich habe da eine Erinnerung: Nach einem Tsunami habe ich eine Mutter mit zwei Kindern betreut, die ihren Vater verloren haben. Das eine Kind war etwa 9 Jahre und das andere zwischen 4 und 6 Jahren alt.
Das ältere Kind hat verstanden, dass der Vater nicht mehr zurückkehren wird. Beim jüngeren Kind haben wir über den Tod des Vaters gesprochen und nach 20 Minuten kam das Kind wieder und fragte: «Wann kommt der Papi nachhause?» Es war ihm nicht bewusst, dass der Vater nicht mehr heimkommt.
Das Gespräch führe Adrian Küpfer.