Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Andreas Moser wird 70 «Wer die Natur mag, muss seine Bedürfnisse zurückstellen»

Über Jahrzehnte prägte Andreas Moser die DOK-Reihe «Netz Natur». Nun wird der Tierfilmer 70 – und findet klare Worte.

Er hat die ersten Schritte frisch geschlüpfter Schildkröten verfolgt, die komplexen Balzrituale seltener Vögel studiert und die geheimnisvolle Welt nachtaktiver Tiere mit Infrarotkameras enthüllt: Andreas Moser ist der wohl bekannteste Tierfilmer der Schweiz.

Über drei Jahrzehnte hat er als Moderator von «Netz Natur» verborgene Tierwelten in die Wohnzimmer des Landes gebracht – und aufgezeigt, wie sie funktionieren. Nun feiert der Basler seinen 70. Geburtstag.

Moser kritisiert die Wissenschaft

Obwohl Andreas Moser inzwischen pensioniert ist, hat er sich noch nicht von der Wissenschaft verabschiedet. Der studierte Biologe hält regelmässig Vorträge, moderiert Tagungen und berät das Kollegium in zoologischen Themen. «Ich arbeite mindestens so viel wie früher, aber dafür sehr viel breiter», so Moser.

Der Biologe kritisiert damit die Wissenschaft, die aus seiner Sicht zu stark auf einzelne Sachfragen fokussiert. «Ich gehöre zu einer aussterbenden Spezies mit einem Weitwinkelobjektiv: jemand, der Dinge zusammenbringt, auf die kaum jemand käme und dabei erstaunliche Zusammenhänge entdeckt.»

Die Angst vor den Wölfen – unbegründet?

Inspiration findet der Wahlzürcher in den Bergen: Moser besitzt ein Haus im nördlichen Tessin, in das er sich gerne zurückzieht, um in Ruhe zu arbeiten. Gleichzeitig wird Moser dort auch mit den Schattenseiten seiner Arbeit konfrontiert: «Man sieht auch, wie die Natur ohne grosses Wissen und auf kurzsichtige Art zerstört wird, ohne sich dessen bewusst zu sein.»

Meine Generation hat wahrscheinlich die sorgloseste und schönste Zeit erlebt, die es in der Menschheit je gab.
Autor: Andreas Moser Biologe, Tierfilmer & ehemaliger «Netz Natur»-Moderator

Ein Beispiel dafür findet sich im neusten Buch des 70-Jährigen: Darin schreibt er über die Beziehung zwischen Mensch und Wölfen – mit einer provokanten Aussage. «Die sprichwörtliche Angst vor dem Wolf wurde erst durchs Christentum in unserer Gesellschaft eingeführt.»

Mehrere Studien würden die Dämonisierung und Verteufelung der Wölfe im Christentum belegen – wie sie nirgends davor dokumentiert sei.

Er verweist darauf, dass indigene Völker wie die amerikanischen Ureinwohner friedlich mit den Wölfen zusammenleben würden. Denn eigentlich seien die Vierbeiner uns ähnlicher, als viele Menschen denken, beispielsweise in Bezug auf ihr Sozialverhalten. «In unserer Gesellschaft werden Wölfe oft als bedrohlich empfunden, obwohl es in Europa in den letzten 20 Jahren trotz vieler Wölfe keinen schweren Angriff auf Menschen gegeben hat.»

Der Tierfilmer appelliert für Schutz der Natur

Die kritische Haltung prägt den ehemaligen SRF-Biologen bis heute: Er vermeidet es, von «Tieren» zu sprechen, da jede Tierart für sich so komplex und spannend wie unsere eigene Spezies sei.

«Wer die Natur mag, muss die eigenen Bedürfnisse zurückstellen», sagt Moser. Das bedeute, die Natur und ihre Schönheit «bescheiden in ihrer ganzen Schönheit zu respektieren».

Die Nähe zur Natur lernte Moser bereits früh kennen: Als Kind half er jeweils im Basler Zoo aus. Später, während seiner jahrzehntelangen Karriere als Leiter von «Netz Natur», kamen weitere prägende Begegnungen mit jeglichen Tierarten hinzu.

Dafür sei er dankbar. «Meine Generation hat wahrscheinlich die sorgloseste und schönste Zeit nach Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt, die es in der Menschheit je gab.»

Und so versucht der ehemalige «Netz Natur»-Moderator und Wissenschaftsjournalist weiter, die Welt aus dem Weitwinkelobjektiv zu betrachten – und allen Lebewesen mit Respekt zu begegnen. «Von der Stechmücke bis zum Buckelwal.»

Radio SRF 1, «Morgengast», 20.5.2026, 7:15 Uhr

Meistgelesene Artikel