Heute beginnt die Fastenzeit, sowohl im Christentum als auch im Islam. Es ist das erste Mal seit fast 100 Jahren, dass der Aschermittwoch und der Beginn des Ramadan auf den gleichen Tag fallen. Religionswissenschaftlerin Dorothea Lüddeckens über die Bedeutung des Fastens – früher und heute.
SRF: Was fasziniert Sie am Thema Fasten?
Dorothea Lüddeckens: Fasten ist eine Körpertechnik, bei der man beobachten kann, dass Körper, Geist und Psyche gar nicht voneinander zu trennen sind. Alles, was wir mit dem Körper machen, beeinflusst auch unseren Geist.
Wieso ist das Fasten ausgerechnet in der Religion so wichtig?
Religiöse Traditionen interessieren sich immer wieder für Grenzen und für Grenzüberschreitungen, also Abgrenzungen zum Alltag, zu dem, was wir normalerweise machen: zum Beispiel essen, wenn wir hungrig sind. Und dieses Unterbrechen des Alltags führt zu Grenzüberschreitungen, vielleicht auch Grenzerfahrungen.
Religion und Kirche haben in der Schweiz im 21. Jahrhundert an Bedeutung verloren. Welche Rolle spielt das Fasten heute noch?
Religion, Religiosität und Spiritualität sind breiter als Kirche – auch in der Schweiz.
Der Entzug von Nahrung erweitert unseren Geist und macht uns sensibler für Dinge, die uns sonst gar nicht auffallen.
Fasten spielt darum nicht nur für religiöse Menschen eine Rolle, sondern auch für Menschen, die selber vielleicht gar keinen Bezug zum religiösen Fasten haben, aber ein Interesse daran haben, ihren Körper zu erfahren – aus ganz unterschiedlichen Gründen.
Das heisst, Fasten hat heute die gleiche Rolle wie eh und je?
Ich glaube, es hat neue Rollen angenommen. Innerhalb der Religion wird Fasten damit verbunden, sich an etwas zu erinnern und gemeinsam eine Tradition zu feiern. Heute ist das oft sehr viel individueller und hat sicher einen Zusammenhang mit Gesundheitstrends. Man weiss, dass Fasten auch gut für den Körper ist – und daran sind viele Menschen in unserer Gesellschaft interessiert.
Bei den Gesundheitstrends gibt's den Veganuary, Intervallfasten, Saftkuren und so weiter. Was hat das mit dem religiösen Fasten zu tun?
Beim veganen Januar geht es nicht so sehr darum, sich selbst zu optimieren und schlanker zu werden, sondern eher um ökologische und ethische Themen. Die Ethik wiederum hat ihre Wurzeln in Weltanschauungen und Religionen. Da gibt es also durchaus einen Bezug.
Abgesehen von der ursprünglichen Herkunft ist beim Fasten spannend, dass Menschen spirituelle Erfahrungen machen können. Der Entzug von Nahrung macht etwas mit uns, erweitert unseren Geist und macht uns sensibler für Dinge, die uns sonst gar nicht auffallen.
Bei diesen Trends ist auch Selbstoptimierung ein grosses Thema. Welche Rolle spielt das beim Fasten?
Es gibt Thesen, dass Menschen, die fasten, leistungsfähiger sind. Wobei sich hier sicher die Frage stellt: Welche Art von Fasten?
Fasten kann zu einer Art von Sport werden.
Fasten kann auch zu einer Art von Sport werden – auch in religiösen Kontexten: Wer hält am besten durch? Das wissen wir von jungen Musliminnen und Muslimen, aber auch aus dem Christentum und Buddhismus. Je härter man fastet, desto näher kommt man dem religiösen Heil.
Was gibt es zu beachten, damit Fasten psychisch und physisch guttut?
Egal, aus welcher Motivation heraus ich faste – das Entscheidende ist, ein gutes Gespür für seinen Körper zu behalten und zu merken, wann eine Grenze erreicht wird, wo es definitiv nicht mehr gesund ist und mir psychisch oder auch physisch schadet.
Das Gespräch führte Stefan Siegentaler.