Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Annette König hält 9 Bücher auf einem Silbertablett
Legende: Eine bescheidene Auswahl Mit diesen Büchern aus der Schweiz, aus Schweden, Österreich, Deutschland, Frankreich, Russland, Amerika, Kanada und Südafrika geht Annette König auf Entdeckungsreise durch das 19., 20. und 21. Jahrhundert. SRF
Inhalt

Die BuchKönig bloggt Neun Literatur-NobelpreisträgerInnen, die ich gerne gelesen habe!

Vor 100 Jahren erhielt der Schweizer Carl Spitteler den Literaturnobelpreis. Guter Grund, mal wieder die Liste der Prämierten zu durchforsten. Puh – so viele grosse Namen sind dabei. Wen also lesen und was? Faulkner oder Camus? «Der Fremde» oder «Die Pest»? Meine Wahl steht fest!

Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf (1909). Mein Lesetipp: «Die wunderbare Reise des Nils Holgersson»

«Die wunderbare Reise des Nils Holgersson» von Selma Lagerlöf (1858-1940) ist einer der phantasievollsten Kinderbuchklassiker überhaupt. Ich habe das Buch geliebt und es beeindruckt mich bis heute. Die Schwedin hat sich von Rudyard Kiplings «Dschungelbuch» inspirieren lassen und ihren Nils Holgersson als Lesebuch für den schwedischen Heimatkundeunterricht geschrieben. Wer also mit Däumling Nils und der Wildgans Martin vom südlichen Schonen bis zum nördlichsten Lappland fliegt, lernt nicht nur Land und Leute, sondern auch die Zustände in Schweden des 19. Jahrhunderts kennen.

«Die wunderbare Reise des Nils Holgersson» von Selma Lagerlöf liebt auf einem Silbertablett
Legende: 1. Satz: «Es war einmal ein Junge.» SRF

Nobelpreisträger Carl Spitteler (1919). Mein Lesetipp: «Carl Spitteler: Dichter, Denker, Redner»

Carl Spitteler (1845-1924) ist der erste und einzige gebürtige Schweizer Literatur-Nobelpreisträger. Er hat den Preis für sein sprachmächtiges Epos «Olympischer Frühling» erhalten. Ein Versepos, voller Anspielungen auf die griechische Götterwelt. Gespickt von tiefschürfenden Einsichten und Lebensweisheiten. Für mich eine Art «Fantasy für Fortgeschrittene», die mich umgehauen hat. Wer dieses eigenwillige Werk und diesen noch eigenwilligeren Schriftsteller kennenlernen will, dem empfehle ich zum Einstieg folgende Neuerscheinung: «Carl Spitteler. Dichter, Denker, Redner». Stefanie Leuenberger, Philipp Theisohn und Peter von Matt haben diesen Querschnitt durch das Werk Spittelers herausgegeben. Hier ist auch Spittelers persönlichster Roman «Imago» vollständig abgedruckt. Es ist ein Liebesroman der besonderen Art. Lasst euch überraschen!

Die Neuerscheinung «Carl Spitteler. Dichter, Denker, Redner» liegt auf einem Silbertablett
Legende: 1. Satz aus «Imago»: ‹«Warten mit dem Aussteigen! Warten denn, bis der Zug hält!»› SRF

Nobelpreisträger Thomas Mann (1929). Mein Lesetipp: «Buddenbrooks»

Der grosse Gesellschaftsroman «Buddenbrooks» ist heute ein Klassiker der Weltliteratur. Thomas Mann (1875-1955) erzählt vom allmählichen Abstieg einer wohlhabenden Lübecker Kaufmannsfamilie, über mehrere Generationen. Der Roman steht symptomatisch für den gesellschaftlichen Wandel im 19. Jahrhundert: Das alteingesessene Bürgertum wird von einem kapitalistisch-orientierten Grossbürgertum abgelöst. Das Buch hat bis heute an Aktualität nichts verloren. Denn der im Roman thematisierte Umgang mit Auflösung, Veränderung und Neuanfang fordert uns in der globalisierten Welt tagtäglich heraus. Nicht von ungefähr wird darum der Roman immer wieder auch fürs Theater adaptiert und auf die Bühne gebracht.

«Buddenbrooks» von Thomas Mann liegt auf einem Silbertablett
Legende: 1. Satz: ‹«Was ist das. – Was – ist das…»› SRF

Nobelpreisträger Iwan Bunin (1933). Mein Lesetipp: «Ein Herr aus San Francisco»

Iwan Bunin (1870-1953) habe ich dank einer Neuausgabe seines Erzählbands «Ein Herr aus San Francisco» entdeckt. Die gleichnamige Novelle gehört für mich zu den besten der Weltliteratur. Sie erschien 1915 und hat den russischen Autor auf einen Schlag im Westen berühmt gemacht. Erzählt wird die Geschichte eines reichen Amerikaners, der mit 58 Jahren endlich zu leben beginnt. Er bricht auf, um für zwei Jahre die Welt zu bereisen. Mit einem Dampfer geht es übers Meer. Erst nach Gibraltar, dann nach Neapel und weiter nach Capri. Hier stirbt der feine Herr völlig unvermittelt. Bunin thematisiert in seiner Novelle verpasste Lebenschancen, gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und eine Welt, die auf einen Abgrund zusteuert. Was angesichts der Zeitgeschichte nachvollziehbar ist. Der 1. Weltkrieg und die Oktoberrevolution ändern Bunins Leben für immer. Er verlässt Russland 1920 und emigriert nach Paris. 1933 erhält er den Literatur-Nobelpreis. Als erster Russe überhaupt!

Der Erzählband «Ein Herr aus San Francisco» von Iwan Bunin liegt auf einem Silbertablett
Legende: 1. Satz: «Ein Herr aus San Francisco – seinen Namen hat sich weder in Neapel noch auf Capri jemand gemerkt – reiste für volle zwei Jahre in die Alte Welt, mit Frau und Tochter, einzig um der Zerstreuung willen.» SRF

Nobelpreisträger Ernest Hemingway (1954). Mein Lesetipp: «Der alte Mann und das Meer»

Vieles habe ich von Ernest Hemingway (1899-1961) gelesen. Aber nichts hat mich so begeistert wie sein kraftvoller Kurzroman «Der alte Mann und das Meer». Einmal gelesen, wird man ihn nie mehr vergessen. Santiago ist ein alter Fischer, der seit 84 Tagen erfolglos auf das Meer hinausfährt. Als er schon nicht mehr an sein Glück glaubt, hat er endlich einen riesigen Schwertfisch an der Angel. Es ist der Fang seines Lebens. Doch der Fisch ist stark und der alte Mann will nicht aufgeben. Der erschöpfende Kampf um Sieg und Niederlage beginnt. Der wohl berühmteste Text von Hemingway zählt zu den wichtigsten amerikanischen Erzählwerken des 20. Jahrhunderts.

«Der alte Mann und das Meer» von Ernest Hemingway liegt auf einem Silbertablett
Legende: 1. Satz: «Es war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen.» SRF

Nobelpreisträger Albert Camus (1957). Mein Lesetipp: «Der Fremde»

«Der Fremde» von Albert Camus (1913-1960) gilt als einer der Haupttexte des Existentialismus. Es geht in dem Roman um das Absurde der menschlichen Existenz, um die «zärtliche» Gleichgültigkeit der Welt gegenüber dem einzelnen Individuum. Der Ich-Erzähler Meursault ist ein junger Franzose in Algerien, den ein Zufall zum Mörder macht. Er sieht in der Hand eines Arabers ein Messer. Die Sonne spiegelt sich darin und blendet ihn. Instinktiv greift Meursault zur Pistole und drückt ab. Vor Gericht schildert er die Ereignisse nüchtern, gleichgültig, ohne Emotion. Infolge wird er zum Tod verurteilt, weil sein Verhalten nicht den gängigen Moralvorstellungen der Gesellschaft entspricht. Ein Meisterwerk, das mich immer wieder aufs Neue fasziniert. Kürzlich habe ich übrigens eine bemerkenswerte Gegendarstellung und Fortschreibung von Camus Roman gelesen. Der Algerier Kamel Daoud gibt dem namenlos ermordeten Araber in seinem Roman «Der Fall Meursault» einen Namen und eine Geschichte zurück. Ein grossartiges Buch, das man nach der Lektüre von «Der Fremde» unbedingt auch gleich lesen sollte.

«Der Fremde» von Albert Camus liegt auf einem Silbertablett
Legende: 1. Satz: «Heute ist Mama gestorben.» SRF

Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer (1991). Mein Lesetipp: «Keine Zeit wie diese»

Nadine Gordimer (1923-2014) gilt als Chronistin der Rassentrennung in Südafrika. Besonders gerne gelesen habe ich ihren Roman «Keine Zeit wie diese». Er spielt im neuen Südafrika, nach dem Ende des Apartheidregimes. Die schwarze Jabulile und der weisse Steve können endlich zusammenleben und heiraten. Vorher war ihre Liebe nämlich verboten. Doch nicht alles ist so rosig, wie es den Anschein hat. Da ist Gewalt, da ist Korruption, da sind soziale Ungerechtigkeiten und da sind die Gräuel der Vergangenheit. Einzig ihre Tochter Sindiswa vermag als erster Abkömmling eines neuen Zeitalters ihre Eltern und Grosseltern näher zusammenzubringen. Und auch Jabulile und Steve glauben an eine Zukunft Südafrikas trotz der vielen ungelösten Probleme im Land. Eine eindrückliche Lektüre!

Der Roman «Keine Zeit wie diese» von Nadine Gordimer liegt auf einem Silbertablett
Legende: 1. Satz: Glengrove Place. Es ist weder glen noch grove, weder Schlucht noch Hain.» SRF

Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek (2004). Mein Lesetipp: «Die Klavierspielerin»

Die Österreicherin Elfriede Jelinek (*1946) ist eine der radikalsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Sie nimmt von ihrer Gesellschaftskritik niemanden aus. In ihren Büchern geht es um die Rolle der Frau, um Gewalt, Macht, Sexualität, Konsum und Spiessbürgertum. Ich weiss noch genau, wie mich ihr Roman «Die Klavierspielerin» verstört und aufgeregt hat. Es geht um eine giftige Mutter-Tochter-Beziehung, die teilweise autobiografisch ist. Erika Kohut, 36, ist Klavierlehrerin und lebt bei ihrer Mutter. Diese terrorisiert und kontrolliert sie. Bringt ihr bei, dass es in einer Beziehung nur um Herrschaft und Unterdrückung geht. Erika kann sich in Folge nicht sexuell entfalten. Als dann ein Klavierschüler auftaucht, der sich in sie verliebt, erfährt Erika, dass sie nur noch im Leiden und in der Bestrafung Lust empfinden kann. Jelineks Roman kann unterschiedlich gelesen werden. Für mich zeigt er auf, was passieren kann, wenn man als Individuum in ein Zwangssystem gepresst wird. Vive la liberté!

Der Roman «Die Klavierspielerin» von Elfriede Jelinek liegt auf einem Silbertablett
Legende: 1. Satz: «Die Klavierlehrerin Erika Kohut stürzt wie ein Wirbelsturm in die Wohnung, die sie mit ihrer Mutter teilt.» SRF

Nobelpreisträgerin Alice Munro (2013). Mein Lesetipp: «Das Bettlermädchen»

Alice Munro (*1931) schreibt grossartige Short Stories. Kurzgeschichten so reichhaltig wie dicke Wälzer. In ihrem Heimatland Kanada sind sie enorm populär. Und seit sie den Literatur-Nobelpreis erhalten hat, liest man Munro auf der ganzen Welt. Ihre Geschichten erzählen vom Alltag, vom Leben auf dem Land, in der kanadischen Provinz. Meist sind ihre Hauptfiguren Frauen. Von ihren unzähligen Sammelbänden mag ich «Das Bettlermädchen» besonders. Munro verknüpft hier zehn Erzählungen miteinander und erzählt so die Geschichte zweier Frauen, Flo und Rose, Stiefmutter und Tochter. Die Handlung beginnt in den 1930er Jahren in einem ärmlichen Kaff. Gleich zu Anfang werde ich Zeuge, wie Rose von ihrem Vater eine fürstliche Abreibung kriegt. Lerne die stachlige Beziehung zwischen Tochter und Stiefmutter kennen. Den Schulalltag von Rose, ihren täglichen Spiessrutenlauf, um dort nicht unter die Räder zu kommen. Satz um Satz entfaltet Munro das Leben ihrer Figuren, an dem ich teilnehme, wie wenn ich den beiden Frauen über die Schulter schauen würde.

Der Sammelband mit Short Stories «Das Bettlermädchen» von Alice Munro liegt auf einem Silbertablett
Legende: 1. Satz: «Eine fürstliche Abreibung. Das war Flos Versprechen.» SRF

Welche Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger lest ihr gerne? Diskutiert mit auf Instagram oder Facebook Die BuchKönig bloggt, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Bücherliste

  • Selma Lagerlöf: «Die wunderbare Reise des Nils Holgersson mit den Wildgänsen» (2015, Knesebeck)
  • Carl Spitteler. «Dichter, Denker, Redner» (2019, Kollektion Nagel & Kimche)
  • Thomas Mann: «Buddenbrooks» (2017, S. Fischer)
  • Iwan Bunin: «Ein Herr aus San Francisco» (2017, Dörlemann)
  • Ernest Hemingway: «Der alte Mann und das Meer» (1992, Rowohlt)
  • Albert Camus: «Der Fremde» (2018, Rowohlt)
  • Nadine Gordimer: «Keine Zeit wie diese» (2014, Berlin Verlag)
  • Elfriede Jelinek: «Die Klavierspielerin» (1999, Rowohlt)
  • Alice Munro: «Das Bettlermädchen» (2015, Fischer Taschenbuch)

Sämtliche Blogs von der «BuchKönig» könnt ihr hier nachlesen. Und die «BuchBar» hier nachhören:

Annette König

Annette König

SRF Literatur Redaktorin & Bloggerin

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Die Germanistin teilt in ihrem Blog «Die BuchKönig» ihre Lese-Leidenschaft mit allen, die Bücher lieben. Nebenwirkungen wie Herzklopfen, Melancholie, Heiterkeit, Verzauberung, Unbehagen und Anzeichen schwerer (Sprach)Verliebtheit sind nicht ausgeschlossen.

Zum Blog «Die BuchKönig bloggt»