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Die Macht der Sprache Wie Kriegsrhetorik die öffentliche Meinung steuert

«Sondermilitäroperation» statt Krieg, «Kriegsministerium» statt Verteidigungsministerium: Strategie-Experte Marcel Berni zeigt die Mechanismen der Kriegsrhetorik auf.

Marcel Berni

Militärexperte

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Marcel Berni forscht und lehrt seit 2014 als wissenschaftlicher Assistent an der Schweizerischen Militärakademie der ETH Zürich. 2019 promovierte er mit einer Arbeit über kommunistische Gefangene im Vietnamkrieg an der Universität Hamburg. Seit 2022 vertritt er die Dozentur Strategische Studien in Forschung und Lehre an der ETH Zürich.

SRF: Warum ist es so wichtig, wie Konfliktparteien über Krieg sprechen?

Marcel Berni: Ein US-amerikanischer Senator soll einmal gesagt haben, dass die Wahrheit häufig das erste Opfer im Krieg ist. Folglich ist Kommunikation ein wichtiges Instrument jeder Kriegsführung. Im Militär unterscheidet man zwischen sogenannten Wirkungsräumen. 

Es gibt zum Beispiel den Wirkungsraum Boden, Luft, Meer und für die Sprache den Informationsraum. Das ist ein eigenständiger Wirkungsraum militärischer Machtausübung. Jungen Soldaten wird beigebracht, wie sie sich in diesem Informationsraum verhalten und wie sie Informationen überbringen sollen.

Der Mensch nutzt Kriegsrhetorik seit jeher

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Schon im antiken Griechenland und im Römischen Reich wurde die Sprache bewusst zur Täuschung und Desinformation eingesetzt. Auch zur Mobilisierung von Soldaten wurde sie genutzt – genausowie wie als innenpolitisches Instrument zur Steigerung der eigenen Moral. «Man versucht damit eigentlich immer, die eigene Seite überzubetonen, zu euphorisieren und die Gegenseite als Amateure zu diffamieren», erklärt Marcel Berni.

Später zeigte sich das im Zweiten Weltkrieg. «Bei den Nazis war die Sprache ganz wichtig: Einerseits, um den Krieg zu begründen, andererseits um einen Genozid zu ermöglichen.»

Wladimir Putin spricht im Ukraine-Krieg von einer «militärischen Sonderoperation» statt von «Krieg». Was bewirkt dieser Begriff?

Krieg ist seit der UNO-Charta 1945 völkerrechtlich verboten. Darum ist es folgerichtig, dass Russland den Angriff auf die Ukraine nicht Krieg nennt, sondern argumentativ versucht, sich als Verteidiger zu inszenieren.

Die Kriegsrhetorik soll die öffentliche Meinung beeinflussen.
Autor: Marcel Berni Experte für Militärstrategie

Im Inland geht es vor allem darum, dass der Angriff auf die Ukraine als etwas Begrenztes, Diszipliniertes, Kontrollierbares inszeniert wird. Damit kann interne Opposition erstickt und Kritik kriminalisiert werden.

Und international?

Nach aussen ist die Wortwahl ebenfalls wichtig, weil sie das russische Handeln als begrenzt, defensiv und rechtlich begründbar erscheinen lässt. Das sehen wir auch bei Begriffen, die diese Sonderoperation begleiten, wie die sogenannte Entnazifizierung oder der propagandistische Verweis, dass die Nato immer der vermeintliche Aggressor ist.

Wladimir Putin sitzt an einem Schreibtisch, im Hintergrund ist die Russische Flagge zu sehen.
Legende: Wladimir Putin behauptet, die Osterweiterung der Nato bedrohe Russlands Sicherheit und die Ukraine müsse «entnazifiziert» werden. Keystone/EPA Sputnik Pool/Gavril

Das Ziel ist, die Unterstützung für die Ukraine auf der internationalen Bühne zu schwächen, sie als Staat zu delegitimieren und Russlands Täterrolle zu verschleiern.

Donald Trump hingegen nutzt eine sehr direkte Sprache. Was ist seine Strategie?

Trump ist in einer ganz anderen Rolle: Er ist Vertreter der mächtigsten Militärmacht der Welt und schert sich nicht um irgendwelche völkerrechtlichen Bestimmungen. Für ihn ist der Krieg ein Spektakel, eine Inszenierung. Mit «Epic Fury» hat sich Trump im Vergleich zu früheren Militärinterventionen für einen viel pessimistischeren und aggressiveren Namen entschieden.

Die Namen der Militärinterventionen der USA

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«In der Vergangenheit hatten ähnliche Militärinterventionen noch ganz hoffnungsvolle, positive Namen. In Panama 1989 sprach man beispielsweise von ‹Just Cause›, also von gerechtem Grund. In Somalia 1992 sprach man von ‹Restore Hope›, also von einer Wiederherstellung der Hoffnung, und in Afghanistan 2001 von ‹Enduring Freedom›, von dauerhafter Freiheit», so Marcel Berni.

Man sieht das noch viel deutlicher bei der Sprache seines Verteidigungsministers, der sich Kriegsminister nennt. Pete Hegseth bedient sich seit Kriegsbeginn einer ganz aggressiven, martialischen – man könnte auch sagen: maskulinen – Sprache. Damit ist der Krieg zum Spektakel und zur Inszenierung geworden.

Wie stark beeinflusst die Kriegsrhetorik die öffentliche Meinung?

Vor allem durch den sprachlichen Rahmen. Das sogenannte «Framing» stellt den Krieg häufig als etwas absolut Notwendiges dar, manchmal auch als etwas Defensives, aber immer als etwas Legitimes. Gleichzeitig wird der Gegner moralisch delegitimiert und als Bedrohung dargestellt. 

Die Sprache soll dazu führen, dass die Kriegsmobilisierung und der gesellschaftliche Zusammenhalt gehalten werden können. Sie konstruiert eine Abgrenzung: «Wir, die Guten» gegen «Sie, die Bösen». Das zeigt den Versuch, die Kritik und den öffentlichen Diskurs zugunsten der politischen Führung einzuengen.

Das Gespräch führte Tina Nägeli.

Morgengast, Radio SRF 1, 19.3.2026, 7:17 Uhr

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