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«Recycling-Weltmeister»: Wo steht die Schweiz wirklich?
Aus Treffpunkt vom 18.03.2022.
abspielen. Laufzeit 56 Minuten 54 Sekunden.
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Gegen unnötigen Abfall Masken, Würmer und Matratzen: Drei innovative Recyclingprojekte

Die Schweiz gilt als Recyclinghochburg, dabei werden nur knapp die Hälfte aller Abfälle rezykliert. Innovative Ideen sollen das Recycling in der Schweiz vorantreiben und das Bewusstsein der Bevölkerung stärken.

716 kg Abfall hinterlässt im Schnitt jede Person in der Schweiz pro Jahr. Davon werden knapp 53 Prozent rezykliert. Neben den klassischen Haushalts-Recyclinggütern wie Glas, PET und Papier, gibt es diverse Bereiche in der Wirtschaft und in Privathaushalten, an die man nicht als Erstes denkt, wenn man von Recycling spricht. 

Recycling von «Coronamasken»

Aus Masken werden Flaschenöffner
Legende: Aus Hygienemasken werden Flaschenöffner. Collage: Precious Plastic Zurich/SRF

Seit Ausbruch der Pandemie sind Hygienemasken aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken. Doch was geschieht mit der grossen Menge an Masken, die jeden Tag getragen wird? Meist landen sie im Abfall oder irgendwo auf dem Boden. Hier setzt Robin Müller von Precious Plastic Zurich an. Er macht aus gebrauchten Hygienemasken unter anderem Flaschenöffner, Wäscheklammern und Karabiner.

Wir wollen aufzeigen, dass der Plastikabfall ein grosses Problem ist und dass ausser PET kaum etwas rezykliert wird.
Autor: Robin Müller Precious Plastic Zurich

Zuerst werden die Bänder und Metalldrähte in den Masken entfernt. Der Rest der Maske besteht aus Polypropylen (PP). Es ist derselbe Plastiktyp, der zum Beispiel auch für grosse Jogurtbehälter genutzt wird. Die Masken werden zerkleinert und kommen in eine Spritzgussmaschine. Verflüssigt werden die Masken unter Druck in eine Form eingespritzt.

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Interview mit Robin Müller von Precious Plastic Zurich
aus Audio SRF 1 vom 24.03.2022.
abspielen. Laufzeit 3 Minuten 53 Sekunden.

Mittlerweile werden Hygienemasken immer weniger gebraucht. Das heisse aber keineswegs, dass Precious Plastic Zurich das Material ausgehe. Plastikabfall gebe es schliesslich auch ohne Coronamasken genug, findet Robin Müller. Das langfristige Ziel sei es, für das Plastikproblem ein Bewusstsein zu schaffen: «Schön wäre, wenn nicht mehr so viel Abfall herumliegt und den Leuten bewusst wird, dass Plastik ein endlicher Rohstoff ist, den man sehr wohl rezyklieren kann.»

Wurmkompost für Zuhause

Wurmkomposter
Legende: Mithilfe von Würmern wird Bio-Abfall geruchslos in Dünger umgewandelt. WormUp

Ein Drittel des Inhalts eines durchschnittlichen Abfallsacks sind organische Abfälle. Einen Grossteil davon könnte man kompostieren. Für Leute, die keinen Kompost im Garten haben, stellt die Firma WormUp Wurmkomposter aus Keramik her. «Grundsätzlich ist es einfach. Man gibt seinen Abfall einfach in das Tongefäss mit den Würmern», sagt Erich Fässler von WormUp.

Die Würmer werden zu Haustieren, die Freude bereiten. Man braucht sich auch nicht zu ekeln. Sie bleiben im Kompost drin.
Autor: Erich Fässler WormUp

Erst werde der Abfall durch Mikroorganismen im Tongefäss zu einem Saft, den die Würmer dann aufsaugen und zu Humus verarbeiten würden. So entstehe aus ein paar Zentimetern organisches Abfalls ein paar Millimeter Humus. «Nach etwa vier bis sechs Monaten kann man das erste Mal ernten», sagt Fässler. Das heisst, man kann den Wurmkompost als organischen Dünger im Gartenbeet oder für Zimmerpflanzen verwenden.

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Interview mit Erich Fässler von WormUp
aus Audio SRF 1 vom 24.03.2022.
abspielen. Laufzeit 4 Minuten 39 Sekunden.

Ein weiteres Ziel von Fässler ist, dass die Leute eine nähere Beziehung zu ihrem organischen Abfall haben und ihr Konsumverhalten besser verstehen. «Wenn man im Wurmkomposter viele Tomaten sieht, merkt man schneller, dass man zu viele kauft, die dann vergammeln.» Er ist überzeugt, dass somit Foodwaste vermieden werden kann.

Und was ist, wenn man sich vor Würmern ekelt? Fässler winkt ab. «Die Würmer bleiben im Kompost. Man hat keinen Kontakt zu ihnen. Und trotzdem werden sie mit der Zeit zu tollen Haustieren, die Freude bereiten.»

Matratzen rezyklieren statt verbrennen

Die Einzelteile einer recycelten Matratze.
Legende: In der Schweiz gibt es noch keine Möglichkeit, Matratzen zu rezyklieren. Joel Hügli

Bis zu einer Million Matratzen werden in der Schweiz pro Jahr entsorgt. Würde man sie alle aneinander reihen, würden sie eine Strasse von Hamburg bis nach Neapel ergeben. Schweizer Matratzen werden heute verbrannt und nicht rezykliert. Das muss sich ändern, findet Esther Hidber. Sie ist Geschäftsführerin der Matratzen-Allianz, einer Organisation, die sich für das Recycling von Matratzen einsetzt. «Das Problem ist, dass wir in der Schweiz noch keine Infrastruktur haben, um Matratzen zu rezyklieren.»

Unser Ziel ist es, dass aus den Matratzen-Bestandteilen wieder neue Matratzen hergestellt werden.
Autor: Esther Hidber Geschäftsführerin Matratzen-Allianz

Im Ausland, zum Beispiel in den Niederlanden, würden Matratzen schon länger rezykliert. Auch gebe es, Möglichkeiten Einzelteile von Matratzen vielfältig weiterzuverwenden, sagt Hidber. «Ich bin beispielsweise mit jemandem in Kontakt, der Schaumstoff aus Matratzen zu Hundebetten verarbeitet.» Auch könne man Unterlagen für Teppiche herstellen.

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Interview mit Esther Hidber von der Matratzen-Allianz
aus Audio SRF 1 vom 24.03.2022.
abspielen. Laufzeit 4 Minuten 53 Sekunden.

Das langfristige Ziel der Matratzen-Allianz sei, dass man die verschiedenen Bestandteile der rezyklierten Matratzen wiederverwenden könne, um neue Matratzen herzustellen. Hidber möchte das Recycling in der Schweiz etablieren und das Design neuer Matratzen vorantreiben, denn herkömmliche Matratzen seien oft so fest verklebt, dass man sie kaum trennen könne.

Ergänzung: Zu 92% rezyklierbare Schweizer Matratze

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Nach Ausstrahlung der Sendung wurde die Redaktion darauf aufmerksam gemacht, dass erste Schweizer Firmen Matratzen entwickelt hätten, die bereits zu einem grossen Grad kreislauffähig seien. Seit Herbst 2021 produziert Riposa eine neuartig konstruierte Matratze, deren Kern sich zu 92% rezyklieren lasse. Die Komponenten würden als primäre (z.B. Stahl) oder sekundäre Rohstoffe (z.B. Wolle) in den Industriekreislauf zurückgebracht, so die Herstellerin.

(4. April 2022 / flef)

Radio SRF 1, Recyclingwoche, 18.03.-25.03.2022;

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Lionel Peer  (liopeer)
    Wäre schön, wenn die Einleitung des Artikels zwischen Downcycling, Recycling und Upcycling differenzieren würde. Oftmals können Abfälle nämlich nur für Produkte mit tieferen Qualitätsanforderungen wiederverwendet werden (= Downcycling) und für Produkte derselben Qualität braucht es wieder neue Rohstoffe.
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  • Kommentar von Lucy Meier  (LucyM)
    Wir haben seit 6 Jahren eine Wurmkiste und sind begeistert davon. Es darf aber nicht alles hinein. Leider verweigert unser Vermieter eine Grünguttonne...
    Ansonsten sind die Schweizer:innen sind auch Weltmeister im Müllproduzieren, da sollte noch viel mehr angesetzt werden. Plastik z.B. kann so gut wie nicht recycelt werden, auch PET ist wegen der verschiedenen Farben nicht ideal. Ich verzichte daher auf Verpackung, wo es geht, und kaufe vor allem unverpackt.
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  • Kommentar von Daniel Grob  (DaGro)
    Neben diesen Anfängen sollte man "ganz unten" beim Wissen ansetzen! Was ich nur in unserm Mehrfamilienhaus alles im Grüncontainer finde: Plastiksäcke, Flaschen, Metallkübel etc.! Und in der Metallabfuhr wiederum Elektrogeräte - da ist die Hürde immer noch zu gross: Wer geht extra dafür ins Elektrogeschäft? Und bei revendo z.B. hiess es diese Woche: Sorry, wir nehmen nur Macs zurück... und kaputte Ton- und Betontöpfe? Und Textilien? Und, und, und... es liegen noch viele Themen brach!
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