Wenn sie sich engagiert, dann richtig: Wenige Schweizer Politikerinnen treten so leidenschaftlich und kämpferisch auf wie Jacqueline Badran. Das unermüdliche Engagement der Nationalrätin ist tief in ihrer Lebensgeschichte verankert.
«Glück verpflichtet», sagt die 64-Jährige im Gespräch bei Radio SRF 1. Und Glück hatte Badran in ihrem Leben einige Male: Die Zürcherin ist bereits dreimal dem Tod von der Schippe gesprungen.
Bei einem «Stunt» fällt sie fast vom Balkon
Als Sechsjährige sieht Badran bei einem Zirkusbesuch, wie die Tänzerinnen und Tänzer übers Seil balancieren, und denkt sich: Das kann ich doch auch. Zu Hause schwingt sie sich aufs Balkongeländer und versucht, sich auf der Stange zu halten. «Wir wohnten zuoberst, es ging etwa 20 Meter runter», erinnert sie sich.
Wenn einem solche Dinge passieren, verstärkt es das Gefühl, dass man sein eigenes Glück kompensieren muss.
Das Unterfangen endet in einem spektakulären «Stunt»: Badran fällt vom Geländer, kann sich gerade noch an einer Brüstung festhalten und mit Mühe und Not hochhangeln. «Ich habe das nie irgendjemandem erzählt, bis ich erwachsen geworden bin», meint Badran heute mit einem Lachen.
Lawine verschüttet die passionierte Skifahrerin
Ebenso glimpflich kommt die Politikerin bei einem Skiausflug in den 90er-Jahren davon. Die ausgebildete Skilehrerin ist mit einem Kollegen im Oberengadin ausserhalb der Pisten unterwegs, als plötzlich eine Lawine niedergeht. Badran findet sich unter den Schneemassen wieder.
Mit allen Kräften schaufelt sie sich frei. Ein Lichtkegel hilft ihr, die Orientierung zu halten. Durch Zufall findet sie ihren verschütteten Begleiter und kann auch ihn befreien. Beide sind wohlauf und fahren unversehrt nach Hause.
Crossair-Absturz erschüttert ihr Leben
Ein paar Jahre später, kurz nach ihrem 40. Geburtstag, sitzt die Zürcherin als Passagierin in einem Crossair-Flugzeug von Berlin nach Zürich. Oberhalb von Bassersdorf im Kanton Zürich stürzt der Flieger ab, das Wrack beginnt zu brennen. Badran und ihr Geschäftspartner können sich gerade noch vor dem Feuer retten und flüchten sich in eine nahegelegene Beiz.
Erst als die Rettungskräfte eintreffen, realisiert sie das ganze Ausmass: Ihre Hand ist verdreht und sie hat ein Loch im Bein. Doch Badran ist eine der neun Überlebenden. «Das gibt einem schon zu denken», sagt die 64-Jährige.
Badran versucht, ihr Glück zu kompensieren
Diese Grenzerfahrungen prägen die SP-Nationalrätin bis heute und wecken ein starkes Gefühl der Verantwortung in ihr. «Wenn einem solche Dinge passieren, verstärkt es das Gefühl, dass man sein eigenes Glück kompensieren muss.»
Doch ihre tiefe Dankbarkeit reicht noch weiter zurück. Schon vor den Unglücken empfand sie es als grosses Glück, überhaupt in der Schweiz leben zu dürfen und gesund geboren zu sein. Das hat auch mit ihrem Geografielehrer zu tun: Als 16-Jährige erzählte er ihr, dass die Hälfte der Menschheit die Hälfte ihres Lebens damit verbringt, Wasser zu suchen und zu transportieren. «Das hat mich als Teenie in meiner heilen Züriwelt völlig erschüttert.»
Daraus ist ein tägliches Ritual entstanden: Jeden Morgen, wenn Badran das erste Mal mit Wasser in Berührung kommt, bedankt sie sich im Stillen für dieses Privileg. «Das ist eine der Sachen, die mich wahrscheinlich am meisten politisiert haben.»