Der deutsche Politikwissenschaftler Markus Freitag lebt seit über 30 Jahren in der Schweiz. In seinem neuen Buch analysiert er die Schweizer Mentalität – nicht nur aus dem Bauch heraus, sondern mit wissenschaftlichen Daten.
SRF: Sie sind Deutscher und analysieren die Schweizer Seele. Hören Sie da oft den Vorwurf, das sei doch paradox?
Markus Freitag: Ja, das höre ich immer wieder. Da ich aber schon fast länger in der Schweiz lebe als in Deutschland, prallt das an mir ab. Ich forsche seit 20 Jahren zur Schweiz. Mich interessieren der Charakter, die Haltung und das soziale Miteinander der Menschen hier.
Ihre Analyse basiert nicht nur auf persönlichen Beobachtungen?
Genau. Ich wollte wissen, ob sich das, was ich im Alltag erlebe, auch in wissenschaftlichen Umfragen widerspiegelt. Die Anekdote allein reicht nicht. Es braucht Daten, um etwas wissenschaftlich belegen zu können.
Welche typischen Schweizer Eigenschaften bestätigt Ihre Forschung?
Das Klischee vom pünktlichen, zuverlässigen und ordentlichen Schweizer hat einen wahren Kern.
Im internationalen Vergleich der Gewissenhaftigkeit ist die Schweiz Spitzenreiter.
Die Daten zeigen, dass 50 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sich selbst als gewissenhaft, ordnungsliebend und sicherheitsorientiert beschreiben. Im internationalen Vergleich der Gewissenhaftigkeit ist die Schweiz damit Spitzenreiter.
Und welches Vorurteil konnten Sie widerlegen?
Das Klischee des griesgrämigen Schweizers. Tatsächlich zeigen die Daten, dass sich über 90 Prozent der Menschen in der Schweiz für glücklich halten.
Über 70 Prozent sind mit ihrem Leben zufrieden. Es gibt also keinen Grund für schlechte Laune.
Sie haben auch Unterschiede zu den Deutschen festgestellt, etwa bei der Kompromissbereitschaft.
Meine Alltagsbeobachtung war, dass Schweizer selbst bei grossen Differenzen noch Gemeinsamkeiten finden, während Deutsche oft auf winzigen Unterschieden herumreiten.
Es braucht ein Stück Gewissenhaftigkeit und eine gewisse Verträglichkeit, um in dieses Land zu passen.
Die Daten bestätigen das: In Deutschland setzt etwa die Hälfte der Bevölkerung Kompromisse mit dem Ausverkauf eigener Prinzipien gleich, in der Schweiz ist es nur rund ein Viertel.
Sie sprechen von einer Mischung aus Bescheidenheit und Selbstbewusstsein bei den Schweizern. Wie passt das zusammen?
Es ist ein kulturelles Muster. Die Schweizer sind sehr stolz auf ihre Demokratie, ihre Geschichte und ihre Erfolge.
Man hält viel von sich, aber man sagt es nicht allzu laut.
Nach 30 Jahren hier: Wie viel Schweiz steckt mittlerweile in Ihnen?
Ich habe gemerkt, dass ich Aufforderungen heute eher mit einem Fragezeichen statt einem Ausrufezeichen formuliere. Das ist eine Anpassung an die weniger direkte Art der Auseinandersetzung in der Schweiz. Es braucht also ein Stück Gewissenhaftigkeit und eine gewisse Verträglichkeit, um in dieses Land zu passen.
Das Gespräch führte Tobias Schneider.