Zum Jahreswechsel nehmen sich viele Menschen vor, disziplinierter, belastbarer oder effizienter zu werden. Der Neurowissenschaftler und Bauchspeicheldrüsenkrebs-Betroffene Martin Inderbitzin sagt im Gespräch, warum er einen anderen Zugang wählt – und was ihm hilft, wenn Orientierung fehlt.
SRF: Der Jahresanfang ist oft verbunden mit dem Wunsch, sich zu verbessern. Was macht der allgegenwärtige Ruf nach Selbstoptimierung mit Ihnen?
Martin Inderbitzin: Ich merke, wie stark der Gedanke der Selbstoptimierung geworden ist: schneller, besser, weiter. Für mich funktioniert das nicht. Ich möchte nicht ständig an mir arbeiten müssen.
Geh es leicht an, aber geh es an.
Ich möchte Mensch sein dürfen – mit allem, was dazugehört. Auch mit Seiten, die schwierig oder unangenehm sind.
Warum fällt es uns so schwer, die unangenehmen Seiten bei uns selbst zu akzeptieren?
Weil wir uns selbst oft strenger beurteilen als andere. Bei Mitmenschen haben wir Verständnis für Überforderung oder Traurigkeit. Uns selbst gegenüber fehlt diese Grosszügigkeit häufig. Dabei wäre sie gerade dort wichtig.
Viele Menschen wünschen sich weniger Stress. Was hilft aus Ihrer Erfahrung wirklich?
Ich verstehe diesen Wunsch gut. Mir hilft ein einfacher Leitsatz: «Go easy but go». Geh es leicht an, aber geh es an. Man darf klein starten. Es braucht keinen grossen Plan, keinen Marathon. Ein erster Schritt reicht.
Warum ist dieser erste Schritt so entscheidend?
Weil Motivation oft nicht vor der Bewegung entsteht, sondern durch sie. Man wartet häufig darauf, sich bereit zu fühlen. Aber dieses Gefühl kommt oft erst, wenn man losgeht. Bewegung verändert etwas – auch im Kopf.
Wie können wir unser Gehirn auf weniger Stress trainieren?
Indem ich meinen Fokus bewusst lenke. Unser Gehirn kann sich nur auf sehr wenig gleichzeitig konzentrieren. Aufmerksamkeit ist eine begrenzte, aber steuerbare Ressource.
Wenn ich meinen Fokus auf das richte, was mir hilft, in Balance zu kommen, dann wächst genau das.
Wenn ich mich ständig auf das konzentriere, was mich stresst, verstärke ich diesen Zustand. Der Körper schüttet mehr Cortisol aus, das gesamte System bleibt im Alarmmodus.
Was heisst das konkret?
Wenn ich meinen Fokus stattdessen auf das richte, was mich beruhigt und mir hilft, in Balance zu kommen, dann wächst genau das. Im Körper passiert dann etwas anderes. Die physiologische Reaktion verändert sich. Ruhe erzeugt Ruhe. Das ist kein positives Denken, sondern eine reale körperliche Reaktion.
Das heisst, der Fokus entscheidet mit darüber, wie wir uns fühlen?
Ja. Nicht alles lässt sich kontrollieren. Aber worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, macht einen Unterschied. Und genau dort beginnt für mich Veränderung.
Das Gespräch führte Sandra Schiess.