Dicke Betonmauern trennen die Justizvollzugsanstalt in Lenzburg von der Aussenwelt. Dahinter sitzen Menschen, die teils schwere Verbrechen begangen haben. Fred Grob tritt seit 45 Jahren regelmässig durch die Tore des Gefängnisses: Als Seelsorger besucht er Inhaftierte – und hört ihnen zu.
«Ich begleite sie ein Stück weit durch ihr Leben. Sie können mir alles erzählen», sagt der Seelsorger. Die Straftaten der Insassen kennt er vorher nicht: Der 78-Jährige möchte sich sein eigenes Bild machen und seinem Gegenüber offenlassen, was es von sich erzählt.
Freundschaft mit einem Ex-Bankräuber
Fred Grob erinnert sich an einen Insassen, der pausenlos geweint habe, weil er nicht an der Beerdigung seines Vaters habe teilnehmen dürfen. Solche Momente gehen auch dem pensionierten Diakon nahe: «Mitleiden heisst manchmal auch mal mit jemandem zu weinen oder zu lachen.»
Zu einem Insassen, den Grob über 20 Jahre lang besuchte, pflegt er bis heute noch Kontakt. Der ehemalige Bankräuber kommt jedes Jahr aus Frankreich zu Besuch.
Seelsorger erlebte selbst Abstürze
Fred Grobs Arbeit als Gefängnisseelsorger ist auch geprägt von seinen eigenen Erfahrungen: In früheren Jahren erlebte er selbst Abstürze durch Alkohol und Scheidung. «Ich bin umhergeirrt und wollte einfach meinen Frieden finden.»
Wer nie vergeben kann, kann auch nicht loslassen.
Im christlichen Sozialwerk «Hope» in Baden fand der ehemalige Schriftsetzer Hilfe. Er fand seinen Frieden und nahm später sogar selbst Suchtkranke und Ex-Häftlinge bei sich auf. Zeitweise übernachteten etwa 40 Menschen bei ihm zu Hause. «In dieser Zeit stahl einmal jemand meiner Frau das Portemonnaie, sonst fehlte nie etwas.»
«Ohne Vergebung wird man bitter wie Unkraut»
Das Grundvertrauen in den Menschen treibt Fred Grob an. Der 78-Jährige ist fest davon überzeugt, dass Vergebung lernbar sei. «Wer nie vergeben kann, kann auch nicht loslassen und wird bitter. Das ist wie Unkraut.»
Die Gefängnisbesuche möchte er weiterführen, solange er gesundheitlich noch kann. «Ich glaube, es ist ein bisschen eine Gabe.»