In vielen Dörfern der Deutschschweiz orientieren sich die Einheimischen noch heute eher über inoffizielle Familiennamen als über die amtlichen Vor- und Nachnamen. Anschaulich beschreibt dies eine Hörerin, die vor Jahren als Spitex-Angestellte einen Einsatz im oberen Suhrental hatte und dort eine Einheimische ansprach: «Ich muss zu jemandem mit ganz vielen Vornamen hintereinander, etwas mit Rüedu und Jakob.» «Sie meinen sicher Ruedi-Jakobe-Hansrüedus-Hansrüedi», war die Antwort. «Genau den!»
Mehr als blosse Wortspielereien
Für Aussenstehende klingt das wie gelebte Alltagspoesie. Und ein solcher Zungenbrecher ist beileibe kein Einzelfall, wie die folgende kleine Auswahl beweist:
- S Ludiseppelisdurslisdurs und s Lismerjaks (Nunningen SO)
- S Tschölissepes und s Urchebuebes (Appenzell Innerrhoden)
- S Bocklunzis und s Wächterxaveris (Villmergen AG).
- Ds Gillujoosisch Stäffi und ds Laamusch Werni (Oberwallis)
Entgegen allem Anschein sind solche «Dorfnämme», wie man sie im Solothurnischen Nunningen etwa nennt, alles andere als sinnentleerte Wortspielereien. Denn erstens entstanden sie einst aus praktischer Notwendigkeit, und zweitens haben sie in der Regel eine konkrete Bedeutung.
Immer mehr Menschen hiessen gleich
Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein kannten Deutschschweizer Dorfgemeinden kaum Zu- und Abwanderung. Entsprechend lebten pro Dorf jeweils nur ein paar wenige altansässige Familien.
Weil man sich bei den Vornamen ebenfalls auf die immergleichen biblischen und einige germanische Namen beschränkte (beispielsweise Johann oder Walter respektive Maria oder Frida), und weil bei der Vornamengebung die Familientradition hoch gehalten wurde, hiessen immer mehr Menschen genau gleich.
«Dorfnämme» sind sogenannte Orientierungsnamen
Eindeutigkeit erzielte man in dieser Situation mit Zunamen. Sie bezogen sich häufig auf die Rufnamen von Vorfahren. Bis zu vier Generationen konnte ein Dorfname schliesslich enthalten. Ludiseppelisdurslisdurs zum Beispiel war eine Person namens Urs, Sohn von Urs, Enkel von Sepp, Urenkel von Ludwig (Ludi).
Andere Motive waren eine Tätigkeit oder (vermeintliche) Eigenschaft des ursprünglichen Namenträgers: Bocklunzis wurde eine Familie genannt, weil sie die offiziellen Halter des Ziegenbocks waren, benannt nach einem Vorfahr namens Leontius (Lunzi). Und Ds Laamusch Werni war eine Person mit Vornamen Werner aus der Familie, die man «die Lahmen» nannte.
Das letzte Beispiel illustriert den schmalen Grat zwischen Erkennungsname und Schimpfname. Nicht jeder Sippenname wird von den damit Bezeichneten gern gehört. Unzweifelhaft haben diese Namen aber den Vorteil, dass man jedes Gemeindemitglied einer Sippe zuordnen und damit «häi tue» kann.
Namen als kulturelle Denkmäler
Als gesellschaftliche Tradition mit grossem historischem Wert gehören inoffizielle Personen- und Familiennamen zum immateriellen Kulturgut der Deutschschweiz, genau gleich wie Bräuche oder Flurnamen. Ein Kulturgut, das allerdings nach und nach verklingt, weil die Namen zusehends ausser Gebrauch kommen.