Wer kennt sie nicht: Die Zeitgenossen der freiwilligen Mundartpolizei, die ihren Mitmenschen allzu genau aufs Maul schauen und ungefragt angebliche Sprachfehler korrigieren: «Es si ‹zwo Froue›, nid ‹zwöi Froue›!», «uf Baaseldütsch säit me ‹lehre›, nid ‹lerne›!».
Hotspots Basel und Bern
Besonders aktiv, das zeigen die vielen Mails an die Mundartredaktion von SRF, sind Sprachpflegerinnen und Sprachpfleger in Bern und Basel. Kein Zufall, herrscht doch in beiden Kantonen ein ausgeprägtes Bewusstsein für den eigenen Dialekt.
Die Sicherheit, trennscharf unterscheiden zu können, was zu ihrem Dialekt gehört und was nicht, entnehmen sie oft der eigenen Sprachbiografie. Viele haben auch noch die Ausdrucksweise der Eltern und Grosseltern im Ohr. Und diese ist ihnen Gesetz!
Von Päpsten und Bibeln in der Mundart
Viele dieser Sprachpflegerinnen und Sprachpfleger berufen sich auch auf Regelwerke wie das Berndeutsche Wörterbuch (1976) oder das Baseldeutsch-Wörterbuch (1984). Darin steht schwarz auf weiss, was «richtiges» Berndeutsch oder Baseldeutsch ist.
Eine gewisse Autorität haben auch Sprachpfleger (ja, es sind meistens Männer), die Abweichungen vom Althergebrachten öffentlich geisseln. In Bern exponiert sich etwa der Musiklehrer Ben Vatter, der sich in einem Video über eine Serviceangestellte ereifert, die ihn fragt «Wie schmöckts?» statt «Isch es guet?».
In Basel erinnern sich manche noch an den 2021 verstorbenen Alt Ständerat Carl Miville, ein passionierter Sprachpfleger, der sich einst in einem Interview ereiferte: «Wenn man ‹damals› sagt statt ‹sällemolls›, ist das zwar eine unscheinbare Veränderung. Aber so stirbt Baseldeutsch Wort für Wort. Deshalb muss man Hochdeutsch bekämpfen!» Man spürt die grosse Sorge um den Verlust von etwas ganz Eigenem, mit dem man sich identifiziert.
Dennoch wirken diese Bemühungen angesichts der heutigen Sprachrealität aus der Zeit gefallen. Laut Bundesamt für Statistik nutzen 81 Prozent der unter 25-Jährigen in der Schweiz regelmässig mehr als eine Sprache im Alltag. Dazu kommt die Vielfalt an Dialekten, mit denen heute jede und jeder am Wohnort, bei der Arbeit und selbst im engsten Familienkreis in Berührung kommt.
Kein Wunder, bleibt bei dieser Menge an sprachlichen Einflüssen die Mundart nicht so, wie sie einst war. Verständlich deshalb die Klagen über Wörter wie «Herusforderig» (statt «Useforderig») oder Pluralformen wie «Chinders» oder «Mönschene».
Habt ihr keine anderen Sorgen?
Es sind typischerweise eher ältere Menschen, die unter dem scheinbaren Wildwuchs in der Mundart leiden. Jüngere verstehen das Problem oft gar nicht. Was bitte ist falsch an der Aussprache «thanze»? (Antwort: Althergebracht wäre «danze» oder «tanze» - ohne, dass man das ‹H› hört.)
Umgekehrt bedeutet das aber nicht, dass den Jüngeren ihre Sprache egal wäre. Auf einem Podiumsgespräch an der Museumsnacht Basel waren sich Felix Rudolf von Rohr (82) und Flo Baeriswyl (27) einig, dass «zwänzg» nicht Baseldeutsch ist. Es heisse korrekt «zwanzig».
Auch bei der neuerdings im Schweizerdeutschen aufkommenden Imperfektform «I war geschter im Usgang» ist der Aufschrei generationenübergreifend.
Eine Schmerzgrenze scheinen alle zu haben, nur ist sie sehr individuell ausgeprägt.