Etwa 35'000 Menschen sprechen Ladinisch. Die meisten von ihnen leben in Ladinien, dem Stammgebiet der Sprache in den Dolomiten in Norditalien.
Die Situation des Ladinischen lässt sich gut mit jener des Rätoromanischen in Graubünden vergleichen. Wie im Bündnerromanischen gibt es im Ladinischen fünf verschiedene Idiome, also regionale Ausprägungen. Und wie das Bündnerromanische ist das Ladinische eine Minderheitensprache, die sich gegenüber den grossen Nachbarsprachen Italienisch und Deutsch behaupten muss.
Die gegenseitige Verständigung ist allerdings nicht immer ohne Probleme möglich, obwohl sich Ladinisch und Bündnerromanisch sprachlich ähnlich sind, wie einige Beispiele zeigen:
| Deutsch | Ladinisch | Bündnerromanisch |
|---|---|---|
| Guten Tag! | Bon di! | Bun di! |
| Auf Wiedersehen! | A reveder! | A revair! |
| der Schnee | la neif | la naiv |
| Olympische Winterspiele | Juesc Olimpics da d'invern | Gieus Olimpics d'enviern |
| die Bestzeit | l miour temp | igl meglier temp |
| die Goldmedaille | la medaia d'or | la medaglia d'aur |
| Olypiasieger/-in | campion olimpich/campionëssa olimpica | campiun olimpic/campiunessa olimpica |
Ladinisch behauptet sich – aber nicht überall
Seit den 1970er-Jahren hat das Ladinische vor allem in der Provinz Bozen-Südtirol (Grödnertal und Gadertal) eine gesicherte Stellung. Es ist neben Deutsch und Italienisch als Landessprache anerkannt und hat auch im Schulunterricht und in den Medien seinen Platz. Aufgrund der sogenannten «ethnischen Proporzes» sind die ca. 4,5 Prozent Ladinischsprachigen anteilsmässig in allen öffentlichen Einrichtungen Südtirols vertreten. In den Provinzen Trient und Belluno ist die Stellung des Ladinischen weniger gefestigt.
Der grösste Teil Ladiniens gehörte jahrhundertelang zu Österreich-Ungarn. Die Gebiete kamen erst vor gut 100 Jahren endgültig zu Italien. Im Faschismus gab es intensive Italianisierungsbestrebungen, wodurch das Ladinische vor allem in den südlichen Gebieten (Fassatal, Buchenstein und Cortina d'Ampezzo) zurückgedrängt wurde.
Olympische Spiele als Bühne nutzen
In Cortina d'Ampezzo liegt der Anteil Ladinischsprachiger heute unter zehn Prozent. Das hat auch mit dem Tourismus zu tun, der vor allem nach den Olympischen Winterspielen von 1956 Fahrt aufnahm. Der Tourismus schaffte Stellen, die vor allem von italienischsprachigen Zuzügerinnen und Zuzügern besetzt wurden.
In der offiziellen Kommunikation der Olympischen Winterspiele spielt das Ladinische keine Rolle – die Beschriftungen sind auf Englisch und Italienisch. Und auch in Restaurants oder Hotels dominieren Italienisch und Englisch, dazu kommt teilweise Deutsch.
Trotzdem – oder gerade deshalb – möchte die ladinische Sprachgemeinschaft diesen Grossanlass nutzen, um die Sprache bekannter zu machen. Zu diesem Zweck hat die Sprachorganisation «Union Generela di Ladins dla Dolomites» ein kleines Wörterbuch, den «Minidiz» herausgegeben. Damit können sich Sportlerinnen und Zuschauer einen kleinen Ladinisch-Wortschatz aneignen.
Die Sprachorganisation erhofft sich von ihrer Aktion mehr Sichtbarkeit für das Ladinische – international und regional. Wie erfolgreich sie damit sein werden, ist ebenso unklar wie die Verteilung der Medaillen.