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Mit Marcel Hähni auf Brauchtumstour
Aus Outdoor-Reporter vom 27.09.2023.
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Bucketlist für Brauchtumfans Diese vier Schweizer Winterbräuche müssen Sie erleben

Seltsam bis gespenstisch – wer diese alten Winterbräuche besucht, lernt lebendige Traditionen der Schweiz kennen.

Traditionen wollen gelebt werden. Es gibt unzählige, zum Teil jahrhundertealte, lokale oder regionale Bräuche in der Schweiz. Sie stehen oft in Zusammenhang mit den Jahreszeiten und sind sehr vielfältig. Vom brennenden Strohmann im Engadin über sagenhafte Kopfbedeckungen im Appenzell, brennende und fliegende Scheiben in Graubünden bis hin zu furchterregenden Gestalten mit geschnitzten Masken im Wallis.

Marcel Hähni

Marcel Hähni

Outdoor-Reporter

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Marcel Hähni, Jahrgang 1970, ist Redaktor und Produzent bei Radio SRF 1 und ausgebildeter Wander- und Schneeschuh-Wanderleiter. Zu seinen bevorzugten Wanderzielen gehören die Zentralschweiz und die Ostschweiz mit dem Alpstein, dem Rätikon und dem Engadin. Regelmässig berichtet er auf srf1.ch und am Radio über seine neusten Abenteuer und verrät Tipps und Tricks für die Outdoorwelt.

1. Hom Strom – der brennende Strohmann von Scuol

Am Abend des ersten Samstags im Februar wird in Scuol im Unterengadin der Hom Strom, der Strohmann, verbrannt. Der Hom Strom besteht aus einer rund acht Meter langen «Telefonstange». Aus Roggenstroh, das speziell zu diesem Zweck im Unterengadin angebaut wird, werden von den Schulkindern und ihren Helfern armdicke Stränge um die Stange gedreht, bis ein Durchmesser von bis zu zwei Metern entsteht.

Der Ursprung des Brauches ist bis heute nicht geklärt. Verbreitet ist der Mythos, dass der Brauch ein heidnischer Opferkult der Bergbauern an den Sonnengott ist, verbunden mit der Bitte um eine gute Ernte. Im Jahr 1954 schrieb der einheimische Dichter Men Rauch ein eigenes Lied für den Strohmann, dass bei seiner Verbrennung gesungen wird.

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So tönt das «Hom Strom»-Lied
Aus Radio SRF 1 vom 27.09.2023.
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Den Brauch des Hom Strom gibt es nur im Dorf Scuol. In den anderen Unterengadiner Dörfern wird er nicht praktiziert. Der Hom Strom wird bis zu seinem «Einsatz» bewacht, weil er in früheren Jahren durch die Dorfjugend der umliegenden Dörfer auch schon entführt worden ist. Am Hom Strom finde ich besonders schön, dass Mädchen und Knaben zusammen einen traditionellen Winterbrauch ausführen und feiern.

2. Silvesterchlausen im Appenzellerland

Das Silvesterchlausen geht auf ein kirchliches Verbot zurück, dass das laute Herumlaufen und Singen in der Altjahreswoche verhindern sollte. Zwischen 1776 und 1808 wurde dieses Vergehen im Kanton Innerhoden mit fünf Talern Busse bestraft. Im Hinterland des Kantons Appenzell Ausserrhoden blieb jedoch der Brauch erhalten und auch im Kanton Innerhoden wurde das «Chlausen» bis um das Jahr 1900 mehr oder weniger stillschweigend toleriert. Weil die Pfarrherren jedoch damit drohten, Knaben, die sich an diesem Brauch beteiligten, nicht zu konfirmieren, begann man sich zu verkleiden. Diese Chlausenschuppeln heissen noch heute: die «Schöne», die «Schön-Wüeschte» und die «Wüeschte»

Das Silvesterchlausen am Neujahr und am 13. Januar wird im ganzen Ausserrhoder Hinterland, in Urnäsch, Waldstatt, Hundwil, Schönengrund, Schwellbrunn, Stein und im Hauptort Herisau gelebt. Seit 2015 und 2022 auch in den Mittelländer Gemeinden Teufen und Speicher. Jede Gruppe besteht aus fünf bis acht Männern und wird Schuppel genannt.

Die Silvesterchläuse überbringen ihre Neujahrswünsche zusammen mit einem Zäuerli, einem traditionellen Naturjodel. Ich werde ganz leise und demütig.
Autor: Marcel Hähni SRF 1 Outdoor-Reporter

Die am aufwendigsten verkleideten Silvesterchläuse sind die «Schöne». Sie tragen bunte Samttrachten mit Kniebundhosen und weissen Spitzen, sorgfältig gebundene Baumwollhauben, weisse Handschuhe und lächelnde Masken. Zum Schluss werden Kuhglocken, die «Rollen» und «Schellen», geschultert und die einmalig gestalteten Hüte aufgesetzt. Die Silvesterchläuse überbringen ihre Neujahrswünsche zusammen mit einem Zäuerli, einem traditionellen Naturjodel. Diese Klänge sind berührend. «Ich werde ganz leise und demütig.»

3. Scheibenschlagen in Untervaz

Das «Schiibaschlaha» in Untervaz findet immer am ersten Sonntag nach dem Aschermittwoch statt. Sobald es dunkel wird, wandert die männliche Jugend mit Holzscheiben aus Buchenholz, einer Haselrute und Fackeln zu den verschiedenen Abschlagplätzen oberhalb des Dorfes im Churer Rheintal.

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Fliegende Holzscheiben
Aus Für Stadt und Land vom 27.02.1966.
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Dort bringen sie mit einem Feuer ihre Holzscheiben zum Glühen und schleudern diese anschliessend über eine Abschussrampe ins Tal.

Begleitet wird jede Scheibe von einem lauten Ruf mit einer Widmung für ein Mädchen im Tal. Urkundlich bezeugt ist das Scheibenschlagen zum ersten Mal im Jahr 1090. Damals hatte eine geschlagene brennende Scheibe ein Nebengebäude des Klosters Lorsch in Hessen in Brand gesetzt.

Das Schiibaschlaha in Untervaz ist bis heute der männlichen Jugend vorbehalten. Aber, und das freut mich, den Mädchen fällt bei der Bewirtung der Verehrer auch ein wichtiger Teil des Brauches zu.
Autor: Marcel Hähni SRF 1 Outdoor-Reporter

Der Brauch vom «Schiibaschlaha» gehört zur Alten- oder auch Bauernfasnacht, einem regionalen Fasnachtstermin. Bei diesem endet die Fasnacht erst am Sonntag nach dem Aschermittwoch und sie wird den heidnischen Bräuchen des Winteraustreibens zugeschrieben. Das «Schiibaschlaha» in Untervaz ist bis heute der männlichen Jugend vorbehalten. Was mich aber freut: Den Mädchen fällt bei der Bewirtung der Verehrer auch ein wichtiger Teil des Brauches zu.

4. Die Tschäggättä aus dem Lötschental

«Tschäggättä» sind furchterregende Gestalten mit Masken aus Arvenholz, Schaf- oder Ziegenfellen über den Schultern und einer Kuhschelle um den Bauch. Traditionellerweise jagen sie in der Fasnachtszeit am Abend Frauen und Kindern nach und reiben sie mit Schnee ein. Während der Brauch der «Tschäggättä» früher nur den ledigen Männern vorbehalten war, verstecken sich heute hinter den Masken und Fellen auch verheiratete Männer, Kinder und ganz vereinzelt auch Frauen.

Über den Ursprung der Tschäggättä gibt es verschiedene Geschichten. So sollen sich die Bürger im Lötschental im Jahr 1549 mit Masken und Tierfellen gegen ausbleibenden Sold und die Verteuerung von Salz gewehrt haben. Eine weitere Erklärung sind sogenannte Schurtendiebe, die in früheren Zeiten mit Masken verkleidet im Lötschental ganze Dörfer geplündert haben. Es ist aber auch möglich, dass der Brauch heidnischen Ursprungs ist und damit der Winter vertrieben werden soll.

Spontan lasse ich mich überreden, an einem Maskenrohling mitzuschnitzen. Über mein Talent lässt sich streiten.
Autor: Marcel Hähni SRF 1 Outdoor-Redaktor

Aktive «Tschäggättä»-Teilnehmer produzieren jedes Jahr eine neue Maske. Der Tourismusverein Lötschental bietet Touristinnen und Touristen oder Interessierten zwei- bis dreistündige Schnitzkurse an. Spontan lasse ich mich überreden, an einem Maskenrohling mitzuschnitzen. «Über mein Talent lässt sich streiten. Hässlich genug wäre meine Variante aber.»

Welche Winterbräuche kennen Sie? Schreiben Sie es in die Kommentare.

Radio SRF 1, Radiotipp, 16.12.2023, 17:50 Uhr;kobt

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