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20 Jahre Viagra in der Schweiz Eine Erfolgsgeschichte mit Nebenwirkungen

Die Geschichte von Viagra ist auch eine Geschichte über die männliche Potenz. Ein Allheilmittel ist die Potenzpille jedoch nicht.

Paar, das sich umarmt
Legende: Vor 20 Jahren wurde Viagra in der Schweiz zugelassen. Für die Konsumenten kann die Potenzpille Fluch und Segen zugleich bedeuten. Colourbox

Stefan und Christine sind beide um die 50 Jahre alt und seit mehr als 20 Jahren ein Paar. Nach einer Krebsoperation am Dickdarm von Stefan mit anschliessender Bestrahlung und Chemotherapie ging im Bett nichts mehr. Viagra nützte nur bedingt. «Da war ich auf Halbmast», sagt Stefan rückblickend. Also haben die beiden – auf ärztliche Verschreibung hin – die Penisspritze ausprobiert. «Das war schlimm», erinnert sich Stefan. Er hat Angst vor Spritzen, also musste Christine ran. Zum Glück ist die Nadel für die Injektion in den Schwellkörper sehr fein und kurz, für Stefan war es trotzdem schlimm. «Eine Dauerereketion von vier Stunden ist weder für den Mann, noch für die Frau angenehm», sagt Christine.

Nun gibt es Sex «nach Fahrplan»

Erst die Kombination aus Viagra und Cialis, einem Konkurrenzprodukt von Viagra, brachte den beiden den im Alltag gut zu praktizierenden Erfolg. Stefan erreicht so etwa 80 Prozent seiner früheren Erektion. Wie mit 20 sei es nicht mehr, soviel ist beiden klar. Und jetzt gibt es halt Sex «nach Fahrplan». Viagra entfaltet seine Wirkung während vier Stunden. In diesen vier Stunden muss eine sexuelle Stimulierung stattfinden. Ohne Reiz geht gar nichts. Das erklärt auch, warum Viagra keine Lustpille ist. Das Medikament wirkt in den Gefässen des Schwellkörpers, legt also gewissermassen die Basis für eine spätere Erektion.

Eine medizinische Zufallsentdeckung

Auf diese Weise entdeckten Forscher der Pharmafirma Pfizer in den 1980er-Jahren auch den Wirkstoff Sildenafil. Auf der Suche nach einem Medikament gegen Angina Pectoris berichteten die Probanden über vermehrte Erektionen. Die Herzbeschwerden blieben. Viagra ist zwar eine medizinische Zufallsentdeckung, aber nicht ganz. Denn was für Herzgefässe gut ist, ist auch für die Gefässe des Schwellkörpers gut.

Bei 70 Prozent der Patienten hilft Viagra

Kurt Lehmann ist Chefarzt Urologie am Kantonsspital Baden. Er erinnert sich gut an das Jahr 1998, als Viagra im Juni in der Schweiz zugelassen wurde. «Vorher ging es rund zwei Jahre, bis sich ein Patient mit Potenzproblemen zum Urologen getraute», sagt Lehmann. Nachdem Viagra auf dem Markt war, mussten auf seiner Abteilung parallel zwei Sprechstunden für Potenzstörungen geführt werden.

Legende: Video Die erste Viagra-Lieferung in die Schweiz (Tagesschau am Mittag, 1998) abspielen. Laufzeit 01:02 Minuten.
Aus Radio SRF 1 vom 19.10.2018.

Viagra hat viel bewirkt und vielen Männern geholfen. Bei etwa 70 Prozent der Patienten nützt Viagra. «Interessant ist aber, dass die Refill-Rate, also die Zahl der Patienten, die ihr Rezept für Viagra erneuern, nicht sehr gross ist». Warum das so ist, darüber kann Kurt Lehmann nur mutmassen. Vielleicht, weil ein Mann dann darum weiss, dass er für den Fall der Fälle etwas für eine Erektion zur Hand hätte? Auch Männer, die mit über 50 Jahren in die zweite Runde gehen, sind beruhigt, das blaue Wunder in der Jackentasche zu wissen.

Der Schwarzmarkt blüht

60 Prozent der Medikamente, die der Schweizer Zoll 2017 beschlagnahmt hat, waren Erektionsförderer. Mehr als die Hälfte kam aus Indien. Viagra ist rezeptpflichtig und wird von der Krankenkasse nicht übernommen. Nur in England kann man Viagra ohne Rezept in der Apotheke kaufen. 1.2 Milliarden Dollar Umsatz hat Pfizer mit Viagra im letzten Jahr gemacht. Der Umsatz ist leicht rückläufig. Zum einen, weil 2013 ist das Patent abgelaufen ist, zum anderen sind die Konkurrenzprodukte Cialis und Levitra mit den längeren Zeitfenstern sehr beliebt. Trotzdem liegt Viagra auf Platz acht der meist verkauften Medikamente von Pfizer.

Die Pillen können auch zu Stress führen

Wer zu Viagra kommen will, kommt dazu, sagt Andreas Lehner, Geschäftsleiter der Aidshilfe Schweiz. Er hat Viagra und die populärsten Konkurrenzprodukte Cialis und Levitra ausprobiert. Er schwört auf Cialis, schliesslich sei er Romantiker, sagt der schwule 51-jährige, der in einer eingetragenen Partnerschaft lebt. Cialis mit seinem Fenster von 36 Stunden sei ideal für ein Wochenende. «Da hat man keinen Stress. Man kann sich Zeit nehmen und Sex einfach geschehen lassen.» Viagra macht ihm aber auch Sorgen. «Ein Mann kann heute fast nicht mehr alt werden. Eigentlich sollten wir bis ins Grab eine Erektion haben», sagt er ironisch. Trotzdem sind Potenzpillen für ihn ein Segen: «Falls Sex passieren sollte, kann er dank der Erektionspillen passieren».

Auch Martin Bachmann, Männerberater und Sexologe vom Maennebüro Züri beobachtet, dass Potenzpillen Männer unter Druck setzen können. «Gerade die jüngere Generation, die mit Pornografie aus dem Internet aufgewachsen ist, bekommt eine falsche Vorstellung davon, was Mann kann», so Bachmann. «Performen zu müssen», sei ein altes Männerthema. Viagra sieht er dennoch als Segen an.

Viagra hilft nicht immer

Ranata und Walter Raaflaub sind seit dem Studium ein Paar. Mittlerweile sind die 68-jährige Anästhesistin und der 77-jährige Hausarzt pensioniert. 2002 erkrankte Walter Raaflaub an einem Prostatakrebs. Heute ist es zum Glück geheilt. Komplikationen während der Operation führten zu einer vollständigen Impotenz. Weder Viagra noch Cialis oder Levitra nützten etwas. Mit Hilfe von Penispumpe und Penisspritze haben die beiden ihre Sexualität zurückerhalten.

Ohne Sex geht's auch, «aber mit ist es einfach schöner»!

Für Renata Raaflaub war der Verlust der Potenz ihres Mannes sehr schlimm. Während ihn Selbstmordgedanken plagten, vermisste sie Nähe und Zärtlichkeit und stellte eine Distanz zu ihrem Mann fest. Heute geniessen die beiden «geplanten Sex». Denn für Renata Raaflaub ist die Sexualität in der Beziehung «wie die Glasur einer Torte. Ohne geht es auch, aber mit ist es einfach schöner», sagt sie und streichelt zärtlich die Hand ihres Mannes.

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