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Ayurveda – das Heilsystem Ayurveda ist Ernährung, Medizin und Lebensphilosophie

Die Jahrtausende alte indische Heilkunst heisst übersetzt aus dem Sanskrit «Das Wissen vom Leben». In der westlichen Welt mit den ganzen Wellness-Trends hat man heute ein falsches Bild von Ayurveda. Klar umfasst Ayurveda auch Massagen. Aber Ayurveda ist viel mehr.

Stephanie Scherz ist leitende Chirurgin am Spital Emmental und sie hat eine Praxis in Thun. Das Spezielle an ihrer Praxis sind die zwei Sprechzimmer. Eines für die Schulmedizinerin, das andere mit Massageliege und einer riesengrossen Holzkiste in der Ecke für ayurvedische Behandlungen. In ihrem Behandlungszimmer macht sie ayurvedische Massagen und einige Patienten gehen danach in die Svedana-Box, eben die Holzbox, zum Schwitzen. Die Box lässt sich mit einer Wohnzimmersauna vergleichen.

Wo Ayurveda hilft

«Ayurveda, kann zum Beispiel bei Hauterkrankungen, rheumatischen Schmerzen, Schmerzen im Bereich des Rückens oder auch bei psychischen Problemen sehr gut sein», sagt die Ärztin. Stephanie Scherz ist – trotz einem Master in Ayurveda – ganz die Schulmedizinerin geblieben. Ayurveda kann helfen, lindern, aber nicht immer. Auch das gehöre zur indischen Heilkunst: Annehmen, dass man manchmal auch gar nichts machen kann, so Scherz. Ayurveda kann hin und wieder auch die Nebenwirkungen der Schulmedizin, die bei einigen Behandlungen das Mittel der Wahl ist, lindern. «Gerade bei den Folgen einer Chemotherapie, gegen Müdigkeit und Mattigkeit, kann Ayurveda helfen», sagt Scherz.

Die drei Doshas: Wichtig in der Medizin und in der Ernährung

Die indische Lehre unterscheidet drei Doshas, drei Lebensenergien: Vata, Pitta und Kapha (Energie der Bewegung, Energie der Umwandlung, Energie von Stabilität). Diese spielen in der ayurvedischen Medizin, aber auch in der ayurvedischen Ernährung eine Rolle.

Die drei Doshas

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Nach den bioenergetischen Prinzipien, den Doshas, werden drei Konstiutionstypen unterschieden. Meistens herrschen ein oder zwei Doshas vor.

  • Vata: Die Energie der Bewegung. Eher zarter Körperbau, schlank, wenig Muskeln. Neigung zu Verstopfung; trockene Haut. Eher unruhiger Geist, aktiv, neugierig, aber trotzdem etwas ängstlich. Chaotisch und leidet unter Schlaflosigkeit.
  • Pitta: Die Energie der Umwandlung. Normaler, durchschnittlicher Körperbau, wohlgeformte Muskeln. Weiche, warme Haut. Schwitzt stark, hat oft Probleme mit der Haut und mit dem Kreislauf. Gut strukturiert, intelligent, manchmal impulsiv.
  • Kapha: Die Energie von Stabilität. Kräftiger Körperebau. Muskulös. Kühle, glatte Haut. Bewegt sich langsam, ruhiger Geist. Neigung zu Diabetes und Übergewicht.

Sasikumar Tharmalingam, er nennt sich Sasi, ist Hindupriester, Koch und Wirt im Restaurant Vanakam im Haus der Religionen in Bern. Im Vanakam wird ayurvedisch gekocht. «In der ayurvedischen Küche wird Wert auf einheimische Produkte gelegt. Deshalb beziehen wir unser Gemüse von einem Bio-Bauern aus Grossaffoltern», sagt Sasi. Klar, die Linsen und die Gewürze muss er importieren. In der Medizin sind es die Kräuter, in der ayurvedischen Küche die Gewürze. Die Mischungen stellt der Wirt selber her.

Der Wirt erkennt die Doshas seiner Gäste

Sasi erkennt das Dosha seiner Gäste schon, wenn sie das Restaurant betreten: Ein Gast mit dem Dosha Kapha betritt das Lokal langsam, fast ein bisschen bedächtig. Ihm täte eine gut gewürzte Speise gut, sagt Sasi. Ein Gast mit viel Pitta isst besser mild gewürzt. Ideal wäre, Menschen würden sich gemäss ihren Doshas ernähren. Das Mittagsmenu, das Sasi nach einem ungesüssten, heissen Ingwerwasser serviert, hat für alle Dosha-Typen etwas dabei. Der Federkohl mit Kokosflocken ist mild gewürzt, das Kürbis-Süsskartoffeln-Curry schmeckt exotisch, die Auberginen kommen an einer rassigen Tomatensauce daher und die Linsen, das Dal, hat viel Kreuzkümmel. Der Basmatireis thront als Reisballen in der Mitte des Tellers. Auch das Auge isst mit.

Sasikumar Tharmalingam, Porträtbild
Legende: Sasikumar Tharmalingam, Hindupriester, ayurvedischer Koch und Wirt im Restaurant Vanakam im Haus der Religionen Bern. ZVG

Ayurvedische Ernährungsempfehlungen:

  • Essen Sie warm.
  • Essen Sie nur, wenn Sie Hunger haben.
  • Verwenden Sie frische und regionale Produkte.
  • Das Essen sollte verschiedene Farben haben – das Auge isst mit.
  • Vor dem Essen ein Glas heisses Ingwerwasser regt die Verdauung an.
  • Nicht überessen.
  • Nicht im Stehen, in Eile oder in grosser Aufregung essen.
Ayurvedisches Menu Federkohl, Kürbis mit Süsskartoffeln an einer Currysauce, Auberginen an einer rassigen Tomatensauce und Dal, indische Linsen.
Legende: Ayurvedisches Menu mit Federkohl, Kürbis mit Süsskartoffeln an einer Currysauce, Auberginen an einer rassigen Tomatensauce und Dal, indische Linsen. SRF

Was sagt die Ernährungsberaterin?

Sasis Menu lassen wir von der SRF-Ernährungsberaterin Anita Gröli nach den Prinzipien der gesunden Ernährung auf Herz und Nieren prüfen. Sie ist schon beim Servieren des Ingwerwassers begeistert: «Flüssigkeit ist immer gut, und das Ingwerwasser kommt ungesüsst daher.» Das Menu entspricht ganz den Prinzipien der gesunden Ernährung. «Gemüse, das heisst Federkohl, Kürbis und Süsskartoffeln sowie Auberginen machen mehr als die Hälfte des Tellers aus. Gut, die Auberginen sind nicht regional.» Das lässt sie durchgehen. Was hingegen ideal ist, das ist die Kombination aus Reis und Linsen. Was für einen Laien seltsam anmutet – zwei Stärkebeilagen – ist für Vegetarier und Leute, die sich vegan ernähren, ideal. «Die Kombination von Reis und Linsen führt zu einer höheren Wertigkeit der Proteine. Das ist wichtig, wenn kein tierisches Protein auf dem Teller ist.» Anita Gröli ist beim Fazit voll des Lobes: «Dem Koch kann ich wirklich ein Kränzchen winden». Und geschmeckt hat ihr das ayurvedische Menu ebenfalls.

Regula Zehnder