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«Träume in Krisenzeiten sind oft stärker und intensiver.»
Aus Morgengast vom 18.05.2020.
abspielen. Laufzeit 04:45 Minuten.
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Corona in der Nacht «Träume in Krisenzeiten sind oft stärker und intensiver»

Die Coronakrise hat den Alltag vieler Menschen stark verändert. Diese Veränderungen in der äusseren, wahrnehmbaren Welt fliessen aber auch ein in unsere Traumwelt. Das sagt der Traumforscher und Psychoanalytiker Markus Merz. Die Krise verfolgt uns buchstäblich bis in den Schlaf.

Markus Merz

Markus Merz

Psychoanalytiker

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Markus Merz ist 73 Jahre alt und lebt in Basel. Er ist Psychoanalytiker und beschäftigt sich schon sein ganzes Leben lang mit Träumen (seit er im Alter von etwa 20 Jahren die «Traumdeutung» von Sigmund Freud gelesen hat). Er hat das Trauminstitut in Basel gegründet, wo Menschen sich im Umgang mit ihren Träumen üben können.

SRF: Inwiefern hat die Corona-Krise sogar im Schlaf einen Einfluss auf uns?

Markus Merz: Eine Erfahrung, die allgemein gilt und die viele Menschen wohl auch jetzt beobachten, ist, dass Träume in Krisenzeiten oft stärker und intensiver werden. Sie bekommen etwas Befehlendes: Wir fühlen uns fast genötigt, uns mit unseren Träumen auseinanderzusetzen.

Dass sich die Aussenwelt – wie jetzt in der Coronakrise – stark verändert, spiegelt sich also in unserer Traumwelt?

Davon bin ich überzeugt. Die Krise löst oft eine Art Krise in der seelischen Organisation aus. Das kann bei einigen ein Gefühl von Bedrohung mit sich bringen, bei anderen aber auch ganz positive Gefühle: Erinnerungen an Momente der Geborgenheit zum Beispiel. Wie genau der einzelne Mensch die Krise in seinen Träumen verarbeitet, ist sehr unterschiedlich.

Wir träumen in Krisen intensiver. Aber inwiefern bestimmt die Krise auch die Inhalte unserer Träume?

Darüber lässt sich schwer eine allgemeine Aussage machen. Was sich aber sagen lässt: Wenn die Intensität der Träume stärker wird, kommt mehr Unbewusstes an die Oberfläche. Denjenigen Menschen, die das nicht gewohnt sind, können die Träume dann fremdartig erscheinen – möglicherweise auch bedrohlich. Sie können aber auch genauso überraschend, schön und faszinierend sein. Man weiss aber aus der Psychotherapie, dass in persönlichen Lebenskrisen Träume aktiviert werden und oft etwas Bedrohliches erhalten.

Wie lässt sich dieses Phänomen des Verarbeitens im Traum erklären?

Es ist wissenschaftlich nach wie vor umstritten, inwiefern es überhaupt so etwas wie einen Sinn hinter unseren Träumen gibt, ob tatsächlich ein Prozess der Verarbeitung stattfindet. Wenn man sich aber als Psychotherapeut mit Träumen auseinandersetzt, dann zeigt sich deutlich: Psychisch setzen wir uns dabei nicht einfach mit den aktuellen Herausforderungen auseinander, sondern es werden auch alte, ungelöste Fragen aktiviert. Und das geschieht oft auch in sehr positiver Art und Weise: Dass wir mit einem guten Gefühl aufwachen, weil wir im Traum in einer schönen Landschaft waren oder eine schöne Begegnung hatten. Diese positive Seite von Träumen ist aus meiner Sicht jedoch noch sehr wenig erforscht.

Das Gespräch führte Vera Büchi.

Radio SRF 1, Morgengast 18.5.2020, 07:15 Uhr;

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Markus Bossert  (EEE)
    interessant...
    ...sicher, dass dieser Bericht nicht 2 Monate zu früh publiziert wurde und nicht für das Sommerloch reserviert war?
    @SRF: diese Bemerkung bitte nicht zu ernst nehmen. Auch für solche Berichte darf es in so düsteren Zeiten mal Platz haben
  • Kommentar von Jonathan Fay  (JonathanFay)
    Meine Träume haben nie mit dem Alltagsleben zu tun, es kommen nur “fremde” von mir ausgedachte Personen vor, oder solche die ich lange nicht gesehen habe. Sie sind aber so kreativ, dass ich mir die Geschichten nie hätte ausdenken, Entschuldigung, erträumen könnte im Wachzustand. Schon extrem interessant, wird man wahrscheinlich nie verstehen das Träumen.
  • Kommentar von Marc Blaser  (PrCh)
    Man kann es auch übertreiben mit den Corona-Berichten.