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Die letzten Drachen Wie der Onkel meines Onkels gefressen wurde

Komodowarane: Ein paar Tausend Nachfolger der Drachen sind noch auf einer kleinen indonesischen Inselgruppe zuhause. Auf der Suche nach den eindrücklichen Tieren findet sich Autorin Patricia Banzer plötzlich in der eigenen Familiengeschichte wieder.

Ich wollte schon lange nachfragen, was denn nun mit dem Onkel meines Onkels geschehen sei. Als Kind hatte mir mein Onkel ein Bild von ihm gezeigt. Ein eingerahmtes Gemälde eines ernst dreinschauenden Mannes mit hoher Stirn und neugierigem Blick, der – so sagte mein Onkel – von einem Drachen gefressen wurde. Mein Interesse war geweckt.

älterer Herr steht vor einem Gemälde
Legende: Mein Onkel Nikolaus von Reding erinnert sich gern an seinen Onkel Rudolf von Reding. SRF/Patricia Banzer

Mein angeheirateter Onkel heisst Nikolaus von Reding und wohnt mit meiner Tante Béatrice in seinem Herrschaftshaus in Schwyz. Die «Schmiedgasse» wie man das Gebäude hier nennt – schliesslich nimmt das Anwesen die Gasse grosszügig ein – ist schon seit elf Generationen in der Adelsfamilie.

Schwarz-weiss Bild
Legende: Das Redinghaus steht seit 400 Jahren an der Schmidgasse in Schwyz Buch Rodolphe de Reding-Biberegg (1895-1974), publiziert 1976

Die von Redings waren und sind noch immer bekannt hier in Schwyz. Als Vögte und Landammänner, Schlachtenführer und Söldnermanager prägten sie die alte Eidgenossenschaft. Die Gänge des Hauses sind dicht behangen mit Gesichtern der Vorfahren.

Audio
Die letzten Drachen
48:12 min, aus Doppelpunkt vom 17.04.2018.
abspielen. Laufzeit 48:12 Minuten.

Unter ihnen: Rudolf von Reding von Biberegg, der Mann mit dem neugierigen Blick, geboren im Jahre 1895. Er war der Lieblingsonkel meines Onkels Nikolaus. Einer, der aus der Reihe tanzte und etwas Antiautorität ins strenge Familienhaus brachte. Ein Lebemann und Jäger, der es verstand Kinder und Erwachsene zu beeindrucken. Als frisch promovierter Jurist wurde er schon mit 27 als IKRK-Delegierter eingesetzt . Und – zu meinem Erstaunen – 1931 erster Generalsekretär der SRG (damalige Rundspruchgesellschaft) wurde. Genau dieser Onkel Ruedi verschwand 1974 auf der Insel Komodo für immer.

Schwarz-weiss Foto mit vier Menschen und einem Radiomikrofon
Legende: Rudolf von Reding (ganz rechts) kümmert sich als SRG-Generalsekretär um die erste Radioübertragung der Olympischen Spiele in St. Moritz 1948. Buch Rodolphe de Reding-Biberegg (1895-1974), publiziert 1976

Zwei Jäger auf Augenhöhe

Seit ich mit 19 nach Indonesien reiste, faszinieren mich die Komodowarane, diese riesigen Echsen mit scharf bekrallten Beinen und tropfendem Speichel. Obwohl die letzten Drachen einzigartig sind, ist die Komodo-Forschung erst 30 Jahre alt. Bis zum heutigen Tag weiss man nicht mal wie alt sie werden. Man weiss jedoch, dass sie raffinierte Überlebensstrategien entwickelt haben, dass sie dank ihrer Giftdrüsen selbst Büffel lahmlegen oder dass sich Weibchen via Parthenogenese fortpflanzen können:

Die Drachendamen klonen sich ohne Hilfe der Männchen und gebären so Söhne, mit denen sie sich später vermehren können. Natürlich vorausgesetzt, sie fressen sie nicht – denn kannibalisch sind die Echsen auch.

Komodowaran von oben in echt
Legende: Der Komodowaran Naga im Aquatis Lausanne ist mit 6 Jahren «erst» 2.5 Meter lang. SRF/Patricia Banzer

Für den Onkel meines Onkels wurden die Warane am 18. Juli 1974 wohl zum Verhängnis. Mit 79 Jahren bereiste er die Insel Komodo. Er sollte als Jagdexperte eine Filmcrew zu unterstützen, erzählt mir Onkel Nikolaus. Es war heiss an diesem Tag, die Luftfeuchtigkeit hoch. Onkel Ruedi wollte nach vollbrachter Arbeit und einer kurzen Pause allein zum Schiff zurückkehren – und verschwand hierbei für immer. Seine Frau Marguerite, Freunde, Hilfstruppen, selbst das indonesische Militär – alle suchten vergeblich nach ihm. Die logische Schlussfolgerung: Der passionierte Jäger traf auf die Komodowarane, Jäger ihrerseits und wurde gefressen. Ein tragisches Ende? Nein, sagt sein Neffe Nikolaus von Reding. «Ein Ende ganz nach dem Gusto von Jäger Onkel Ruedi».

Kreuz mit Kranz auf schwarz-weiss Foto
Legende: Ein schlichtes Kreuz erinnert auf der Insel Komodo an Baron Rudolf von Reding. Buch Rodolphe de Reding-Biberegg (1895-1974), publiziert 1976

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Nadja Bossert  (Evolution-Girl)
    Diese Geschichte kenne ich sehr gut, allerdings haben mir meine Eltern es etwas anders erzählt.
    Meine Eltern waren nämlich in der selben Reisegruppe und am Abend vor seinem Verschwinden trank er noch einen Whisky mit meiner Mutter.
    Da ich die Drachen schon als Kind liebte, bis jetzt nur noch nicht dort war, begleitete von Reding mich immer wieder in Gedanken.
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  • Kommentar von D. Becker  (Die andere Sicht der Dinge)
    Tja, die Schweizer Fränkli sind einfach zu hart zum Schlucken...
    Vielleicht ist der Onkel einfach untergetaucht? Wie Elvis und Co.
    Nein, erlaube mir nur ein Spässchen. Ist eine interessante Geschichte. Die Natur lässt sich nicht immer zähmen und sollte respektiert werden.
    Wünsche allen ein schönes Wochenende!
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  • Kommentar von Rudi Hardy  (Wombat)
    War kuerzlich fuer einen Tag auf dieser Insel die Komodo Dragons wie sie hier heissen zu sehen. Die Eingeborenen haben noch immer von dem Schweizer Rudolf gesprochen, den Nachnamen hatten sie vergessen. Nichts sei von ihm uebrig geblieben ausser seinem Reisepass und Schweizer Franken und seiner Leserbrille. Schoen hier noch etwas weiteres vom ihm zu lernen. Danke.
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